Martin Dubberke | Pfarrer

Wer hat die warnende Stimme des Propheten gehört und ernstgenommen?

Ich fange heute mal so ganz ohne Umschweife und Einleitung mit dem Predigttext an und Sie werden gleich merken, warum ich das tue. Also, der Predigttext steht beim Propheten Jesaja im Kapitel 58, die Verse 7 bis 12:

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wiederaufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Ich finde, dass heute der Text eines Propheten Gottes hervorragend passt. Und ich glaube fest daran, dass es von Zeit zu Zeit guttut, sich vor Augen zu halten, dass Gott in früheren Zeiten Propheten berufen hat, damit sie gewissermaßen seine Pressesprecher, sein Sprachrohr bei den Menschen sind. Wir können in der Bibel nachlesen, wie diese Männer Propheten wurden und zuweilen, wie sie versucht haben, sich vor diesem Amt zu drücken, aber sie hatten in der Regel keine Chance. Wenn Gott sie zu diesem Amt auserwählt hatte, gab es kein wirkliches Argument dagegen.

Und so mussten sie Ansagen in der Zeit machen. Sie mussten die Menschen daran erinnern, was Gott von ihnen erwartete. Und sie mussten gegebenenfalls, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllten, mit den Konsequenzen leben. Und die waren in der Regel nicht sehr angenehm.

Es konnte aber auch passieren, dass das Volk auf den Propheten hörte und umkehrte, den Weg der Buße wählte und sich so rettete. Ich erinnere hier nur an die Geschichte von Jona.

Aber in den meisten Fällen hörten die Menschen nicht auf die Propheten, so dass sie das ernteten, was sie gesät hatten und das war in der Regel Sturm. Und irgendwie kommt mir das doch ganz bekannt vor.

Im Predigttext sagt Jesaja sehr deutlich, was Gott von uns erwartet:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und
die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst
und nicht mit Fingern zeigst
und nicht übel redest,
sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt
und den Elenden sättigst

Heute kann man in unserem Land wieder Menschen dafür gewinnen, ihre Stimme dafür zu geben, genau das nicht zu tun, zumindest nicht allen Menschen gegenüber. Und das ist das Problem, wenn eine Gesellschaft mehr und mehr gottvergessen wird, wenn die Tradition des Glaubens mehr und mehr abbricht und man sich nicht mehr daran erinnern kann, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat und er gesagt hat, dass es so gut sei. Er hat keinen Unterschied zwischen Hautfarben, Sprachen und Nationen gemacht. Alle Menschen wurden von ihm geschaffen. Das heißt, jeder ist dem anderen Bruder oder Schwester. Ja, ich weiß, zuweilen sind sich Geschwister nicht ganz grün. Daran kann ich mich selbst noch erinnern und meine beiden Söhne führen mir das auch mindestens einmal am Tag vor Augen. Gott hat mit seiner Schöpfung, den Menschen global angelegt, als er sprach:

Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

1. Mose 1, 26-31

Fällt Ihnen etwas auf? Gott sprach nicht: „Macht Euch einander untertan!“ Er gab uns den Auftrag, die Erde mit Menschen zu füllen, also das Werk, das er mit den ersten beiden Menschen so gut geschaffen hatte, selbst fortzusetzen.  Er gab uns die Verantwortung für die Erde, die Tiere, seine Schöpfung. Diese sollten wir uns untertan machen. Über diese sollten wir herrschen, weil es gilt, diese zu erhalten, weil wir auf sie angewiesen sind, um leben zu können. Er hat uns alle miteinander verbunden. Tragen wir diese Verantwortung nicht, so werden wir untergehen.

Wir feiern heute Erntedank. Ich weiß, am vorigen Sonntag gab es hier das klassische Erntedankfest, aber heute blicken auf einen anderen Aspekt des Erntedanks. Eigentlich ist Erntedank ein schönes Fest mit einer Erntekrone aus den Früchten des Feldes. Man dankt für das, was mit Gottes Hilfe aus dem geworden ist, was man gesät hat.

Aber mit dem Säen und Ernten ist es so eine Sache. Wir ernten gerade in unserem Land, was wir gesät haben. Doch irgendwas ist mit der guten Saat geschehen. Wir haben das, was wir gesät haben, nicht wirklich gut im Blick gehabt. Die Ernten waren so gut, so selbstverständlich gut, das wir ein wenig nachlässig bei der Pflege unserer Felder geworden sind. Und nun haben wir die Bescherung. Nun haben wir plötzlich eine Ernte mit Früchten, die den meisten von uns nicht schmecken.

Ihr wisst, wo ich wohne, in welchem Haus ich lebe, welche Geschichte dieses Haus erzählt, welchen Themen und Fragen mich bewegen, mich mein Leben lang begleitet haben, in welcher Tradition meine theologische Ausbildung stattgefunden hat.

Ich lebe in dem Haus, in dem Dietrich Bonhoeffer gelebt und gewirkt hat. Ich bin in der Tradition der Bekennenden Kirche ausgebildet worden, weil ich an einer Hochschule studiert habe, die von der Bekennenden Kirche gegründet worden ist. Und ich habe Eltern, denen man die Kindheit geraubt hat, die in der Angst um das eigene Leben, das Leben der Eltern und Großeltern groß geworden sind.

Das hat in meinem Leben Spuren hinterlassen. Vielleicht ist es genau das, was mich der Bekennenden Kirche in meinem Leben so nahegebracht hat? Meine Eltern haben immer über das gesprochen, was sie erlebt und erlitten haben. Und manches haben Sie uns erst erzählt, als wir erwachsen waren. So haben sie in mir, meiner Schwester und meinem Bruder etwas gesät, eingepflanzt, dass man am ehesten als das berühmte „Nie wieder!!!“ bezeichnen kann.

Vor genau einer Woche wurde nun die Ernte eingefahren. Jede Partei hat interessanterweise das geerntet, was sie gesät hat. Die einen Unentschlossenheit, die anderen Großkotzigkeit, und wieder andere Hass.

Wer hat die warnende Stimme des Propheten gehört und ernstgenommen?

Diese Ernte ist eine deutliche Ansage. Sie ist ein deutliches Zeichen. Diese Ernte ist nicht die Folge einer Naturkatastrophe, die über uns hereingebrochen ist, sondern das Ergebnis schlechter Landwirtschaft, dem Verstecken der anvertrauten Pfunde.

Jesaja sagt ganz genau, was wir tun müssen, um eine gute Ernte einzufahren:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und
die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst
und nicht mit Fingern zeigst
und nicht übel redest, 
sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt
und den Elenden sättigst.
Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Was macht man, wenn die Ernte so schlecht war? Woran orientiert man sich?

Ich kann auch die Frage stellen, was der Pharao gemacht hat, als er folgendes träumte und Josef ihm die Träume deutete:

Der Pharao sprach zu Josef: Mir träumte, und siehe, ich stand am Ufer des Nils, und aus dem Wasser stiegen sieben schöne, fette Kühe; die weideten im Grase. Und siehe, nach diesen stiegen sieben dürre, sehr hässliche und magere Kühe heraus. Ich hab in ganz Ägyptenland nicht so hässliche gesehen. Und die mageren und hässlichen Kühe fraßen die sieben ersten, fetten Kühe auf. Sie verschwanden in ihrem Bauch, aber man merkte es den mageren nicht an; sie waren so hässlich wie zuvor. Da wachte ich auf. Dann sah ich in meinem Traum sieben Ähren auf einem Halm wachsen, voll und dick. Und siehe, sieben dürre Ähren gingen auf, dünn und vom Ostwind versengt. Und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken Ähren. Und ich habe es den Wahrsagern gesagt, aber die können’s mir nicht deuten.

1. Mose 41, 17-24

Und Josef legte ihm seine Träume aus. Die fetten Kühe und Ähren waren die sieben guten Jahre, denen sieben schlechte Jahre mit schlechten Ernten folgen werden. Drum solle er sich auf diese Zeit vorbereiten und Vorräte für die sieben schlechten Jahre sammeln. Er soll sich angemessen vorbereiten, damit die mageren Kühe keine Gefahr für das Volk werden. Lassen Sie mich an dieser Stelle zwei Zahlen vom vergangenen Sonntag nennen: fette 82,4% und magere 12,6%.

Und die mageren und hässlichen Kühe fraßen die sieben ersten, fetten Kühe auf.
Sie verschwanden in ihrem Bauch, aber man merkte es den mageren nicht an;
sie waren so hässlich wie zuvor.

Der Ton, die politische und gesellschaftliche Kultur in unserem Land wird immer rauer und brutaler. Man konnte es in allen Medien hören und sehen, wie nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses ein Politiker in die Menge seiner Anhänger rief, eine bestimmte Politikerin vor sich her jagen zu wollen. Und ich möchte an dieser Stelle nicht sagen, mit welchen Rufen, die dort versammelte Menge reagierte. Diese Sprache gab es in unserem Land schon einmal, und zwar 1933.

Immer öfter höre ich diese LTI – wie sie Victor Klemperer genannt hat – die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reichs.

Und wir wissen, wo das hingeführt hat. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal an die Erschaffung des Menschen erinnern:

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn;
und schuf sie als Mann und Frau.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen:
Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan…

Genesis 1, 27-28

Damit hat uns Gott das Wohl und das Wehe dieser Welt in unsere Verantwortung gegeben. Darüber hinaus hat er uns Regeln, Weisungen und Gebote gegeben, an denen wir uns orientieren können, weil er wusste, dass wir es nicht aus uns selbst heraus schaffen würden. Erinnern wir uns doch nur an den ersten Mord in der Bibel, als Kain seinen Bruder Abel erschlug. Es ging um Konkurrenz, mehr Liebe, mehr Beachtung, für wen es galt „the First“ zu sein, zuerst ranzukommen. Aus all diesen Geschichten des Alten Testaments können wir lernen, dass wir die Verantwortung tragen und worauf wir dabei achten müssen.

Ich hoffe, wünsche mir und bete dafür, dass wir nie wieder in die Situation geraten, Worte sprechen zu müssen, wie sie unsere Kirche im Oktober 1945 im Stuttgarter Schuldwort gefunden hat:

…wir klagen uns an,
dass wir nicht mutiger bekannt,
nicht treuer gebetet,
nicht fröhlicher geglaubt und
nicht brennender geliebt haben.

Stuttgarter Schuldwort im Oktober 1945

Und genau an dieser Stelle muss ich an zwei Sätze von Dietrich Bonhoeffer denken, die das, was ich versucht habe, in meiner Predigt zu vermitteln, wunderbar auf den Punkt bringen:

Ein schwerer, verhängnisvoller Irrtum ist es, wenn man Religion mit Gefühlsduselei verwechselt.
Religion ist Arbeit. Und vielleicht die schwerste und gewiss die heiligste Arbeit, die ein Mensch tun kann.

(DBW 10, 484) Dietrich Bonhoeffer

Amen!

Predigt am Erntedank-Sonntag am 1. Oktober 2017 in der Königin-Luise-Gedächtniskirche