Martin Dubberke | Pfarrer

Was sind Sie?

Gedanken zu Losung und Lehrtext vom 19. Juni 2012

Was sind Sie?

Was wollen Sie sein?

Und was wollen Sie sein?

Sie haben einen Job, einen Beruf, eine Aufgabe, die Sie erfüllen sollen. Sie sollen Ziele erreichen. Harte und weiche, Nah- und Fernziele. Sie sollen sich entwickeln usw.

Sie haben auch ein Privatleben, das ebenfalls nicht so ganz ohne Erwartungen ist. Sie sollen als Vater oder Mutter für die Kinder da sein, für den Ehe- oder Lebenspartner. Der oder die will Zeit von Ihnen. Dann gibt es da vielleicht auch noch die Eltern, die Erwartungen an Sie haben und natürlich Freunde und Freundinnen.

Wo bleiben Sie? Welche Erwartungen und Ziele haben Sie, Sie ganz allein für Sie? Haben Sie überhaupt Zeit für sich selbst? Also, ich merke das sehr wohl an mir. Da ist mein Job, mein Vorstandsvorsitzender, mit dem ich die gemeinsamen Ziele bespreche und vereinbare. Da ist meine Frau, die dieses und dieses und dieses und auch noch jenes von mir möchte. Da sind meine Söhne, meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde… Mancher und Manches bleibt da auf der Strecke. Und für mich bleibt die Nacht. 

Vor einer Weile habe ich mir angewöhnt, einfach mal so einen freien Tag zu nehmen. Nur für mich. Schließlich sind die anderen freien Tage – wie Sonnabend und Sonntag oder auch der Urlaub – von der Familie geprägt. Das ist schön, gibt Kraft und zehrt aber auch gleich wieder. 

Und an so einem freien Tag, also einem wirklich freien Tag, gehe ich frühstücken. Das ist Klasse! Ich sitze in meinem Lieblingscafé und alles wird mir gebracht. An so einem Tag gehe ich aber auch Mittagessen und ich genieße meine eigene Gesellschaft und auf einmal stellt sich etwas bei mir ein: Mir fallen Sachen ein. Auf einmal verbinden sich in meinem Kopf Dinge, die vorher unverbunden schienen. Ich bin entspannt und weil ich entspannt bin, arbeitet auch der Rest von mir entspannt. 

Daran muss ich denken, wenn ich die Losung und den Lehrtext des heutigen Tages höre: 

2. Mose 19,6

Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. 

1. Petrus 2,5

Erbaut euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 

Priester zu sein, bedeutet auf der einen Seite einen guten Kontakt zum lieben Gott zu pflegen. Priester zu sein, bedeutet im Gespräch mit Gott und den Menschen zu sein, also ein Bindeglied, ein Kommunikator und ein Moderator zu sein. Ein Königreich von Priestern zu sein, bedeutet in diesem Falle aber auch, dass die eigentliche Macht nicht bei einem einzelnen Menschen liegt, sondern bei vielen. Und wenn es ein Königreich von Priestern ist, dann ist es ein Reich, in dem Gott ein entscheidendes Wort mitzureden hat und dann bedarf es Menschen, die dieses Wort hören und danach leben, damit man ein heiliges Volk ist. Und heilig heißt in diesem Falle ein Volk zu sein, in das heil ist. Ein Volk, in dem es keinen Neid, keine Unterdrückung, keinen Fremdenhass gibt, weil es keine Fremden mehr gibt. Schließlich sind wir alle Kinder Gottes und damit Geschwister.

Es geht hier keineswegs um einen fundamentalistischen Gottesstaat, sondern um eine Welt, in der man nach dem einfachen Prinzip der Nächstenliebe und der Verantwortung gegenüber der Schöpfung lebt.

Und was einmal groß sein soll, fängt im Kleinen, bei mir selbst an, mit meiner eigenen Heiligkeit, meinem eigenen Heil sein. Und das ist wie ein Hefeteig, wie das Senfkorn. Je mehr uns das bei uns selbst gelingt, desto eher wird das geistliche Haus entstehen. Also genau so wie es im 1.Petrus 2,5 heißt:Erbaut euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus“.