Martin Dubberke | Pfarrer

Was ein kleines Kreuz erzählt…

Ich möchte Ihnen die Geschichte von einem kleinen roten Holzkreuz an einem schwarzen Band erzählen, die sich vor knapp drei Wochen ereignet hat. Mein Familie und ich waren im Allgäu im Urlaub, und irgendwie hatten wir Lust auf einen Ausflug nach München. In München waren wir natürlich im Dom zu Unserer Lieben Frau – auch Frauenkirche genannt. Dort verirrten wir uns auch im Domladen. Meine Jungs hatten von einer ihrer Patentanten ein wenig Taschengeld bekommen, um sich ein kleines Souvenir zu kaufen. Bedingung: Es musste ein Foto gemacht und der Tante geschickt werden. Einer meiner Söhne war von einem kleinen roten Holzkreuz an einem schwarzen Band angetan. Das und kein anderes wollte er haben. Also, kaufte er es sich und hängte es sich sofort um den Hals.

Danach gingen wir essen und dann machten wir drei Männer eine kleine Kirchentour, während sich meine Frau in der Zeit der Münchener Mode zuwandte. Wir stiegen gemeinsam auf den Alten Peter, besuchten St. Michael und gingen dann noch in die Bürgersaalkirche, wo jeder von uns dreien sich einen Platz suchte und betete. Danach verließen wir gemeinsam die Kirche und gingen noch rasch rüber zum Saturn. Als wir aus dem Laden wieder rauskommen, stellte mein Sohn plötzlich fest, dass er sein Kreuz verloren hatte. Das Drama war groß. Wir schauten uns die Jacke genau an, ob das Kreuz nicht vielleicht in einen der Ärmel gerutscht sei, aber es ließ sich nicht finden. Also, was macht ein Vater in dieser Situation, um seinen Sohn zu trösten. Er sagt: „Komm, wir gehen noch einmal in die Frauenkirche und kaufen ein neues Kreuz.“

Also, rasch die Frau angerufen und gesagt, dass wir nicht pünktlich sein werden, weil wir ein neues Kreuz kaufen müssen. In der Frauenkirche angekommen, müssen wir feststellen, dass der Domladen geschlossen hat, weil jetzt Gottesdienst ist. Also, versuchen wir unser Glück in St. Michael, aber auch dort ist Gottesdienst und der Kirchenladen geschlossen. Bleibt uns nur noch die Bürgersaalkirche, aber auch dort hat der Kirchenladen geschlossen.

Wir haben kein neues Kreuz bekommen. Wir treffen uns nun mit meiner Frau vor Saturn und beschließen, dort noch einmal auf die Suche zu gehen, während sich meine Frau zusammen mit dem Sohn an der Kasse und der Information erkundigt, ob ein Kreuz abgegeben worden ist. Aber niemand hat etwas gefunden oder abgegeben.

Und Justus ist traurig, traurig, traurig. Als wir den Laden verlassen, sehe ich mitten auf dem Weg ein schwarzes Band liegen. Ich gehe darauf zu und siehe es war das Band, an dem einmal das Kreuz dran hing. Doch das Kreuz war weg. Sein Bruder ging zu einem kleinen Gully und leuchtete mit der Taschenlampe seines Handys rein und sagte nur: „Da war nichts drin.“

Und dann stehen wir da so mitten auf der Kaufinger und sind entschlossen, nun Richtung Bahnhof zu gehen. Aber irgendwie lasse ich noch einmal meinen Blick im Rund schweifen und sehe etwa zwanzig Meter von mir entfernt etwas auf dem Boden liegen. Eine innere Stimme sagt zu mir: „Geh da mal ruhig hin.“ Und ich ging da hin und siehe, ich konnte es kaum glauben, aber auf dem Boden lag das kleine rote Holzkreuz. Ich war glücklich, bückte mich, hob es auf und mein Sohn kam angerast mit gefühlter zweifacher Schallgeschwindigkeit und fiel mir überglücklich um den Hals.

Wir wollten ein neues Kreuz kaufen und konnten keines kaufen. Wir waren in drei Kirchen, haben für einen Moment an zwei Gottesdiensten teilgenommen. Doch haben wir das Kreuz nicht in einer der Kirchen gefunden, sondern draußen, mitten auf der Straße, mitten im Getümmel der Welt. Ein wenig erinnert mich das an das heutige Evangelium aus Lukas 17, 20-24:

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. 22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Warum erzähle ich Ihnen heute diese kleine Geschichte? Vordergründig hat doch diese kleine Begebenheit nichts mit dem Predigttext zu tun. Das mag stimmen, aber wenn man ganz genau hinschaut, kann man den Zusammenhang erkennen.

Die Geschichte erzählt von der Trauer, dem Schmerz über den Verlust des Kreuzes und der Freude vom Wiederfinden des Kreuzes. Die Geschichte erzählt ein wenig von den zwei Seiten des Kreuzes. Es gibt ja zwei Formen des Kreuzes, zum einen das Kruzifix, das kommt aus dem Lateinischen und heißt „ans Kreuz geheftet“. Das ist das Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus und das andere ist das einfache Kreuz ohne Jesus.

Das Kruzifix steht für das Leiden, die Passion und den Tod Jesu und das leere Kreuz ist das Kreuz des Auferstandenen, das Kreuz der österlichen Freude. Das Kruzifix erinnert uns an den Tod, den Jesus für uns gestorben ist, an das Blut das er vergossen hat zur Vergebung der Sünden. Das Kruzifix erinnert uns an die Trauer der Jünger, es erinnert uns an die Niedergeschlagenheit der Emmaus-Jünger. Das österliche Kreuz hingegen erinnert uns an die Freude der beiden Frauen, die das leere Grab gefunden haben und denen der Auferstandene begegnet ist. Das leere Kreuz erinnert uns an das, was die Emmaus-Jünger sprachen, nachdem der Auferstandene ihnen die Schrift ausgelegt und das Brot mit ihnen gebrochen hatte: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lukas 24, 32) Und Paulus schreibt im Römerbrief 14, 9 – also unserem Predigttext:

„Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“

Und wenn wir uns den Predigttext noch einmal ganz in Ruhe anhören, werden wir erfassen, dass er gewissermaßen die Form eines Kreuzes annimmt:

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden,
dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Paulus erinnert uns daran, dass durch das Kreuz unser Leben als Christ oder Christin geprägt ist, und zwar vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens. Keiner lebt sich selber. Was heißt das? Heißt, das, dass ich ein fremdbestimmtes Leben führe, in dem ich nicht Herr meines Lebens, meiner Entscheidungen bin? Nein! Ein deutliches Nein!!!

Es bedeutet vielmehr, dass wir nicht mehr fremden Mächten oder uns selbst preisgegeben sind, sondern voll und ganz von unserm Herrn angenommen worden sind. Wir wissen uns von der Liebe Gottes umfangen. Und diese Liebe leitet unser Leben. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. (1. Korinther 13,1

Als Christen und Christinnen sind wir nicht selbst der Maßstab, weil das zu Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit führt und so zu Unfrieden und Feindschaft und am Ende gar zu Krieg und Zerstörung. Als Christ oder Christin bin ich als Individuum wirkender Teil eines großen Ganzen.

Die Liebe, die wir durch Jesus Christus erfahren, ordnet und orientiert unser Leben vom Anfang bis zu seinem Ende. Denn gäbe es diese Liebe nicht, gäbe es nicht die Chance zum Frieden. Gäbe es diese Liebe nicht, gäbe es nicht die Chance, dass sich andere von dieser Liebe erfassen und mitreißen lassen und wir in dieser Welt Dinge zum Guten wenden. Gäbe es diese Liebe nicht, würden wir uns nicht einander zuwenden und gemeinsam auf den Weg machen.

Paulus erinnert mit der Kreuzform, die er seinem Text unterlegt hat und dem Hinweis darauf, dass Christus gestorben und wieder lebendig geworden ist, an das Gnadenwirken Gottes. Daher gibt es keinen besseren Zeitpunkt, als jetzt, um sich auf diesen Weg zu machen, denn:

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils.
2. Korinther 6, 1b

Amen.

Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres 2016 in der Königin-Luise-Gedächtnis-Kirche über Römer 14, 7-9 (6. November 2016)