Martin Dubberke | Pfarrer
Passionsnotiz Nr. 41 | Bild: Martin Dubberke

Was bleibt…

Was bleibt, wenn einer stirbt oder – wie in Jesu Fall – ermordet wird?

Ich wohne seit anderthalb Jahren in dem Haus, in dem Dietrich Bonhoeffer gewohnt hat, wo er verhaftet wurde und nie wieder zurückkehrte.

Gestern, an seinem Todestag klingelte kurz nach neun Uhr der Erste an unserer Tür, der gerne sein Zimmer gesehen hätte. Ich weiß nicht, wie viele Menschen es im Laufe des Tages wurden, da wir dann selbst das schöne Wetter für einen Ausflug nutzten.

Seit anderthalb Jahren begegne ich bei mir im Haus Menschen aus aller Welt, die hierher kommen, um mehr über Dietrich Bonhoeffer zu erfahren und ihm, der kein Grab hat, nahe zu sein.

Sein Zimmer unterm Dach, mit seinem Schreibtisch, seinen Bücherregalen und seinem Klavichord ist ein besonderer Ort.

Ich gebe es zu, an manchen Tagen, wenn ich allein in seinem Zimmer bin, habe ich das Gefühl, als sei auch er im Raum.

Bonhoeffer hat mit seiner Theologie, seinem bis in den Tod hinein konsequent gelebten Glauben,  deutliche Spuren hinterlassen, denen heute noch immer Menschen folgen. Was er getan und gedacht hat, wirkt heute auch heute nach, bewegt und leitet Menschen in der ganzen Welt und gewinnt an neuer Aktualität.

Wenn ich heute sein Gedicht „Von guten Mächten“ in der Vertonung von Otto Abel singe, dann kann ich es nicht losgelöst von seiner Situation in der Haft, der Hoffnung doch wieder nach Hause zu kommen und gleichzeitig seiner vollkommenen Ergebenheit in die Hände Gottes tun.

Das Gedicht ist auf alle Zeiten untrennbar mit seinem Schicksal verbunden.

Was bleibt, wenn einer stirbt? Das war meine Eingangsfrage heute Morgen. Der Predigttext vom Palmsonntag aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel vierzehn, die Verse neun bis dreizehn ist so eine Geschichte:

Und  als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Was bleibt? Womit bleibe ich in Erinnerung? Jesus wusste, dass die Generationen nach ihm über ihn und vor allem die Botschaft, die er hatte, reden würden, dass alles, was er getan hatte und ihm getan wurde, von Generation zu Generation überliefert würde. Das bedeutet aber auch, dass die Menschen, die ihm begegnet sind, in Erinnerung bleiben, nicht vergessen werden. In diesen Begegnungen hat Jesus mit Ihnen zusammen das entfaltet, was ihm wichtig war, was wir in den Blick nehmen sollten und im Blick behalten sollten. Ja, die Menschen, die bei seiner Salbung in Betanien dabei waren, hatten Recht, dass man von dem Geld, das die Frau für das Salböl bezahlt hatte, einem kleinen Vermögen, viele Menschen hätte satt machen können. Aber als einzige in dieser Situation erkannte die Frau die Bedeutung Jesu in ihrer ganzen Dimension. Und ich gehe mal davon aus, dass eine Frau, die sich ein solches Öl leisten konnte, auch anderen Menschen viel Gutes getan hat. Jesus hat an diesem Tag den anderen den Spiegel vorgehalten und Ihnen deutlich gemacht, dass das, was diese Frau, deren Namen wir nie erfahren haben, gerade tat, vollkommen richtig war und auch seine Bedeutung hatte. Er wies sie sie sogar darauf hin, statt über andere zu reden, sie selbst zu handeln und die Not der Armen zu lindern hätten und sie dafür jeden Tag erneut die Möglichkeit hätten.

Mit dieser kleinen Episode macht Jesus deutlich, dass es auch um eine Verhältnismäßigkeit geht, sprich, was den Verhältnissen, was der Situation angemessen ist.

Und wenn er sagt, dass überall, wo in der Welt das Evangelium gepredigt wird, auch dieser Frau gedacht wird, dann sagt er damit, dass zugleich auch derer gedacht wird, die die Frage gestellt haben, ob es eine Vergeudung war, Jesus mit diesem Öl zu salben.

Auf diese Weise stellt er ihnen die Frage: Womit wollt ihr in Erinnerung bleiben?

Das ist die Frage, die er auch heute noch jedem Einzelnen von uns stellt: Womit möchtest Du in Erinnerung bleiben?

Passionsnotiz Nr. 41 vom 10. April 2017