Martin Dubberke | Pfarrer

Wann ist eine Familie eine Familie?

Liebe Familie, liebe Schwestern und Brüder,

ganz bewußt rede ich Sie heute einmal als meine Familie an. Und damit stelle ich die Frage nach dem, was Familie ist. Das Wörterbuch des Christentums (Gütersloh 1988, S. 338) definiert Familie wie folgt:

Die F. ist ebenso wie der Mensch eine Abstraktion, der keine anschaul. Erscheinung entspricht. Konkret begegnet einem nicht ein Mensch, sondern ein Mann, eine Frau oder ein Kind. Ebenso wenig trifft man eine F. an, vielmehr findet das, was das Wesen von F. ist, in dieser oder jener erfahrbaren Form einen anschaul. Ausdruck.

Halten wir fest: Eine Familie ist eine Abstraktion. Also eine Verallgemeinerung, etwas Ungegenständliches, nicht wirklich Fassbares, aber in seinem Wesen doch Erfahrbares. Ich kann also Familie erfahren.

Heute ist Familie immer die natürliche Gemeinschaft von Frau und Mann und wenigstens einem Kind, die sogenannte Kleinfamilie. Die Großfamilie bestehend aus Großeltern, Tanten, Onkeln und und und, die noch vor wenigen Generationen eine erhebliche Rolle spielte, ist in unserer Gesellschaft fast ausgestorben. Die Familie ist in zweitausend Jahren immer kleiner geworden, immer enger gefasst worden. Zu Jesu Zeiten gehörte zu einer Familie, der ein sogenannter Pater Familias vorstand, noch alles, was unter einem Dach zusammenwohnte und -arbeitete. Vom leiblichen Sohn bis zum Sklaven.

Aber heute kennen wir dafür solche Begriffe wie Stieffamilie, also, wenn z.B. zwei verschiedene Elternteile mit ihren Kindern zusammenkommen oder ein Mensch ohne Kind mit einem Menschen zusammenzieht und lebt, der Kinder hat. Ein anderer Begriff ist die Einelterfamilie. Und auf der anderen Seite gibt es lauter sogenannte Familienserien. Um Familie zu sein, muss man heute nicht mehr verheiratet sein. Familie ist mehr und mehr von einer gesellschaftlichen Institution zu einem Gefühl geworden, zu einer Erfahrung, die für viele Menschen mit einer Sehnsucht verbunden ist, weil sie das, was sie als Familie, in ihrer Beständigkeit und Zuverlässigkeit ersehnt haben, nie erlebt haben.

Was ist das aber , wonach so viele Sehnsucht haben und was so viele so innig in schlechter Erinnerung haben? Was ist nun Familie? Wer kann es fassbar definieren, erklären? Im Grundgesetz Artikel 6 steht, dass die Familie unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung stünde. Hier werden die Eltern als Erziehungsberechtigte bezeichnet.

In der Denkschrift der EKD „Gottes Gabe und persönliche Verantwortung“ heißt es, dass Familie immer vom Kind her gedacht werden muss. Erst das Kind konstituiert die Familie. Familie wird durch Elternschaft konstituiert (III. S. 2 WEB-Ausgabe: http://www.ekd.de/EKD-Texte/verantwortung3.html).

Familie ist nicht ein Zustand oder etwas definitiv Bestimmtes, sondern ein Prozess des Werdens und sich Veränderns.

Familie ist auf Dauer und damit Verbindlichkeit angelegt.
In der biblisch-theologischen Orientierung der neuen Lebensordnung unserer Kirche hebt unter Ziffer 151 hervor: „Ehe und Familie sind keine Räume heilen Lebens. Darum stellt Gott sie in den zehn Geboten unter einen Schutz.

Nach soviel Vorgeplänkel, juristischer und kirchlicher Definition komme ich nun endlich zum Eigentlichen, dem Predigttext, da steht nämlich, wie Jesus Familie versteht (Markus 3. 31-35):

3:31 Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. 3:32 Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. 3:33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? 3:34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Siehe, das ist meine Mutter und das sind Brüder! 3:35 Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Tja, das unterscheidet sich doch ein wenig von dem, was ich Ihnen gerade noch vorgetragen habe. Der Helmstedter Propst, Heinz Fischer, wird morgen seine Predigt mit dem Satz beginnen: „Die Lebensform Jesu ist eine ungeheure Provokation für jede nur denkbare Familienbindung!“ (Göttinger Predigten, http://gwdu19.gwdg.de/~unembac/archiv/990829.html) Auch andere rücken an dieser Stelle immer wieder die leibliche Familie Jesu in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Nahezu alle schreiben, dass es hart gewesen sein muss für Jesu Familie. In meinem Empfinden wird die Familie Jesu nicht durch ihn brüskiert oder abgewertet. Was ist hart daran, den Maßstab für das zu setzen, was Familie ist, bzw. zu sagen, was eine Familie ausmachen sollte. Jesus sagt an dieser Stelle erst einmal nichts über das Verhältnis zu seiner Familie, sondern er bringt sehr eindrücklich zum Ausdruck, was für ihn Familie konstituiert. Für ihn wird Familie nämlich nicht durch ein Kind konstituiert. Familie konstituiert sich für ihn – der wahrer Mensch und wahrer Gott ist – nicht aus der Elternschaft heraus, sondern aus dem Tun des Willen Gottes.

Familie wird zur Familie indem die Familienmitglieder den Willen Gottes tun. Dazu bedarf es keine Blutsverwandtschaft, sondern des gemeinsamen Bekennens zu dem Einen. Der Eine allein bildet den Maßstab. Durch das Tun des Willen Gottes werde ich zum Familienmitglied.

Ihr seid meine Geschwister, weil Ihr wie ich Euch darum bemüht, Gottes Willen zu tun. Im Mittelpunkt steht der Wille Gottes.

Familie ist also mehr als nur der Umstand, dass zwei Menschen ein Kind miteinander in die Welt setzen. In meiner Arbeit wird das tagtäglich deutlich. Es kann keine Familie sein,

  • wenn ein Mann seine Frau schlägt oder isoliert,

  • wenn ein Mann seine Kinder misshandelt oder gar missbraucht,

  • wenn eine Mutter ihre Kinder emotional erpresst,

  • wenn sich Eltern trennen und Kinder im Scheidungskrieg als Waffe einsetzen,

  • wenn Mütter oder Väter sich nach einer Trennung nicht mehr um ihre Kinder kümmern.

Es stellt sich also die Frage nach dem Willen Gottes???

Die Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht, denn nichts ist so eindeutig und umstritten zugleich, wie der Wille Gottes. Wenn ich etwas als den Willen Gottes begreife, dann muss das von ihnen oder dem Bischof oder wem auch immer nicht auch als der Wille Gottes verstanden werden.

Es kann sich also immer nur um eine Annäherung handeln, um ein Versuchen? Versuchen wir uns dem zu nähern, indem ich einfach mal erzähle, wie ich mit dem Wort Bruder oder Schwester umgehe. Ich benutze viel öfter das Wort Bruder, weil Schwester verpönt ist.

Als Bruder angesprochen zu werden, bedeutet für mich, dazu zu gehören. Als Vikar habe ich einmal die Witwe eines Pfarrers aus der Gemeinde beerdigt, in der ich aufgewachsen bin. Unter den Trauernden war auch der Pfarrer, der mich getauft hatte. Mein ganzes Leben lang hatte er mich „Martin“ genannt. An dem Tag sprach er mich als „Bruder Dubberke“ an. Nie zuvor und nie danach habe ich in der Kirche das Wort Bruder so intensiv empfunden. Es bedeutete Zugehörigkeit.

Wann spreche ich jemanden als Bruder an? Oft, weil es in den Kreisen üblich ist und oft, weil ich jemanden genau daran erinnern will, wessen Willen er tut. Den Seinen oder Gottes Willen…

Bruder schafft mir aber auch die Nähe und Offenheit, mich vertrauensvoll zu öffnen. Aber auch hier lauert Missbrauch. Bruder heißt: Ich vertraue Dir, dass Du mir nicht den Dolch in den Rücken stößt. Damit wird Bruder fast zu Dynamit in unserer Zeit.

Der Bruder oder die Schwester ist immer die letzte Vertrauensperson, der sich ein Mensch öffnen kann. Bruder und Schwester zu sein, heißt also, selbst dem anderen zum Bruder zu werden, dass er einem selbst zum Bruder oder zur Schwester wird.

Wodurch qualifiziert sich nun jemand zum Bruder oder zur Schwester? Brüder und Schwestern haben eine sogenannte flache Hierarchie. Manchmal kommt dem einen mehr Verantwortung zu, weil er erfahrener oder älter oder beides ist. Das ist aber auch die einzige Hierarchie. Das Bruder und Schwester macht uns zu Gleichen unter Gleichen, aus dem immer wieder einige ausbrechen wollen, um mehr zu sein als der andere. Und so haben wir Konflikte wie in jeder anderen Familie auch, die wir immer wieder angehen müssen, denn wie sagt Jesus (Mk 3:25): „Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.“

Wenn unsere Familie Bestand haben soll, müssen wir uns immer wieder neu auf den Willen Gottes einlassen und uns ihm gemeinsam nähern, trotz aller unterschiedlicher Interpretationen dieses Willens. Es gibt in der Familie einen Vater, dessen Weisheit unsere Mutter ist. Und so können wir uns dem Willen Gottes nur dann nähern, wenn wir das Doppelgebot der Liebe beherzigen.

Wann immer ich jemanden Bruder nenne, dann meine ich: „Ich liebe Dich, so wie ich mich liebe.“ Und das heißt bedingungslose Annahme des anderen trotz seines grundsätzlichen Andersseins. Und so scheint mir das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ der Anfang aller Familie zu sein, denn:

12:28 Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? 12:29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 12:30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. 12:31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. (Markus 12, 28-31)

Amen.


28. August 1999 – 13. Sonntag nach Trinitatis
Silasgemeinde zu Berlin-Schöneberg
Text: Markus 3, 31-35 (Reihe III)