Von Kugelmaß bis Gil oder Midnight in Paris

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Gestern bin ich doch wirklich nach langer, langer Pause mal endlich wieder im Kino gewesen. Und da konnte und durfte es nichts anderes werden als ein Woody Allen.

Ich habe ja immer so meine Befürchtungen, wenn Allen nicht selbst mitspielt. Er besetzt seinen Part immer wieder mit Schauspielern, die ihm nicht das Wasser reichen können. Mit Owen Wilson als Gil hat er einen kongenialen Schauspieler für seinen Part gefunden. Wilson imitiert an keiner Stelle Allen, sondern findet seinen eigenen Weg, den nervösen Intellektuellen mit integriertem Selbstzweifel – auch Minderwertigkeitskomplex genannt – zu spielen.

Es gibt Stellen, da erinnert er mich ein wenig an Robin Williams, und das nicht nur, weil er physiognomisch manchmal an ihn erinnert, sondern, weil er sich über eine gelungene Pointe genauso nach innen hinein freuen kann, dass die Augen zu leuchten beginnen.

Die Geschichte muss ich an der Stelle nicht nacherzählen. Wer hier mehr wissen möchte, sei auf die offizielle Websitehttp://www.midnight-in-paris.de/ verwiesen.

Was mir so besonders gut an diesem Film gefällt, ist nicht nur, dass er mich bei meinen eigenen Phantasien und Träumen abholt, sondern dass Woody Allen wieder eines seiner beliebten Themen aufnimmt, perfekt variiert und im Humor verfeinert.

Das Kernmotiv dieses Films, das Allen schon in diversen Filmen variiert hat, wurde von ihm schon in einer sehr schönen Kurzgeschichte “Interrmezzo mit Kugelmaß” von 1978 bearbeitet. Ein Altphilologe nimmt das Angebot des Magiers Persky an, sich in einen Schrank zu setzen und sich in einen Roman seiner Wahl versetzten zu lassen. Kugelmaß entschied sich für Madame Bovary. Damals kam Madame Bovary auch in die Gegenwart. Ein Allen-Chaos reinsten Wassers. Nebenbei gesagt, 1983 vom Südwestfunk mit Otto Sander, Maren Kroymann und Christian Brückner als Hörspiel produziert und von Cotta’s Hörbühne auf den Markt gebracht. Wer die Möglichkeit hat dieses Kleinod, dass leider nicht mehr auf dem Markt ist antiquarisch zu ergattern, sollte es unbedingt tun.

Die Geschichte endet im besten Allen-Sinn fatal. Irgendein Komma wird gejagt… Nebenbei gesagt. Dieses Komma nimmt Woody Allen in “Midnight in Paris”wieder in Gestalt des Privatdetektivs auf der in der Zeit Ludwig XIV. eintrifft und von Leibgarde durch Versailles gejagt wird.

Was 1978 noch fatal endet, wird 34 Jahre später ein romantisches Happy End. Der Zeitreisende Gil erliegt im Gegensatz zu Kugelmaß nicht den vielen Versuchungen, sondern hat den starken Willen, seinen Roman – geplagt von Selbstzweifeln, die ihn nicht zu einem Ende kommen lassen – erfolgreich zu beenden und damit perspektivisch der Tretmühle als erfolgreicher Hollywood-Drehbuchschreiber zu entkommen. Gil reift während seiner Reise und den Begegnungen mit Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein, Picasso, Dali, Bunuel, Man Ray, Porter und echten Frauen, Musen zu einem Autor mit Selbstvertrauen heran, der es schafft, in der Gegenwart zu leben und für sein Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gil hat sich sein Happy End wie in einem klassischen Entwicklungsroman redlich verdient.

Ach, ein Film, den ich mir immer wieder ansehen könnte, weil er einfach schön ist…

Danke, Woody!