Von kindlicher Glaubenskraft

Erscheinungen des Auferstandenen und Himmelfahrt

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. 12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. 13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. 14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. (Markus 16, 9-14)

Quasimodigeniti – Zu Deutsch „wie die kleinen Kinder“. Der Sonntag hat seinen Namen nach einer Stelle aus dem 1. Petrus-Brief: Wie neu geborene Kinder nach Milch, Halleluja, so seid ihr begierig nach dem unverfälschten Wort Gottes, Halleluja! (nach 1. Petrus 2,2a)

Kinder haben noch diesen unverfälschten Blick, die ungefilterte Sicht der Welt und Dinge. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es bei mir war, als ich noch ein Kind gewesen bin. Ich glaubte meinem Religionslehrer alles. Die Geschichten, die er da von Jesus und seinen Jüngern erzählte, klangen eigentlich nicht viel anders als die Märchen, die einem die Eltern und Großeltern erzählten. Nur in einem unterschieden sie sich von diesen Märchen: Die Märchen waren Märchen, das ahnte man irgendwie als Kind. Doch die Geschichten, die der Religionslehrer erzählte, waren Geschichten und keine Märchen. Sie erzählten von einem Mann Namens Jesus, der wirklich gelebt hat, gekreuzigt worden ist und wieder von den Toten auferstanden ist. Es gab keinen Zweifel, das musste alles wahr sein. Schließlich erzählte nicht irgendjemand diese Geschichten, sondern ein Lehrer.

Und dann kam noch ein anderer Gesichtspunkt hinzu. Die Geschichten von diesem Jesus klangen auf Ihre Weise so unwahrscheinlich, dass sie wahr sein mussten.

Mir war also mit sechs Jahren sofort klar: Diesen Gott und seinen Jesus, gibt es wirklich.

Als ich anderthalb Jahrzehnte später mit dem Theologiestudium begann und wir unsere Glaubensgeschichten erzählen sollten, erfuhr ich, dass ich im zarten Alter zu einer theologischen Erkenntnis gekommen war, die neunhundert Jahre vor mir schon der große Kirchenvater Tertullian gehabt hat. Von ihm stammt der Satz: credo quia absurdum est. Ich glaube, weil es absurd ist, oder wie Luther es später sagte: Ich glaube, weil es widersinnig ist.

Glaube bedeutet also immer, mit dem unmöglich scheinenden zu rechnen. Glaube bedeutet dadurch: Alles ist möglich. Es gibt nichts, was unmöglich ist. Im Absurden, im Widersinnigen verbirgt sich die tiefe Wahrheit, das Wahrsein des Glaubens. Weil es absurd ist, ist es nicht unmöglich.

Diesen Teil kindlichen Glaubens habe ich mir bis zum heutigen Tag bewahren können. Trotz eines entromantisierenden Theologiestudiums glaube ich noch immer, dass es so gewesen ist, wie es die Bibel erzählt. Ich glaube noch immer an das Wunder der Auferstehung Jesu von den Toten, auch wenn mir der Verstand, eine kritische Vernunft gleichzeitig sagen wollen, dass es sich nicht so zugetragen haben kann. Doch das interessiert mich nicht. Es interessiert mich auch nicht, ob Jesus irgendwo in Indien gelebt und dort gestorben ist. Ich bin eigentlich auch nicht an den vielen Erklärungsversuchen interessiert, die die Kritiker ins Feld führen, dass Jesus scheintot gewesen ist oder sich die ganze Geschichte anders zugetragen haben könnte.

Das Unmögliche, Unwahrscheinliche, ja das Unglaubliche gehört zur Wahrheit des Glaubens. Für den Glauben muss man – glaube ich – auch immer ein wenig den Verstand zugunsten des Herzens zurücknehmen.

Und die größte Herausforderung an den Glauben ist – meines Erachtens – der Glaube an die Auferstehung, das Unfassbarste unseres Glaubens, gerade, wenn man dem Auferstandenen nicht selbst begegnet ist. Da kann uns unsere erwachsene Logik und Vernunft nur im Wege stehen und den Blick auf das Wunder versperren.

Maria von Magdala war die erste Offenbarungszeugin. Ihr begegnete der Auferstandene. Doch selbst mit der Vollmacht dieser Begegnung gelang es Ihr nicht, die anderen, die Jünger Jesu, davon zu überzeugen. Sie glaubten es nicht. Nun kann man sagen, sie glaubten es nicht, weil es von einer Frau kam, die sie für spinnert halten konnten. Schließlich war sie ja einmal von Dämonen besessen, die Jesus dereinst einmal ausgetrieben hatte. Vielleicht waren sie ja zurückgekehrt?

Aber sie glaubten ja auch nicht, den über jeden Zweifel erhabenen Emmaus-Jüngern.

Vielleicht spielte auch einfach eine Art Arroganz eine Rolle, es nicht akzeptieren zu können, daß sich Jesus zuerst nur anderen gezeugt hat, nicht aber seinen Jüngern. Vielleicht waren die ersten Offenbarungszeugen ja auch nur Schwätzer?

Erst Jesus selbst musste seinen Jüngern erscheinen, damit die glaubten, was da Großes geschehen war. Und Jesus bringt es auf den Punkt, er schilt die Jünger ob Ihres Unglaubens, der seine Wurzel in einer Härtigkeit des Herzens hat. Die Auferstehung war eine Glaubensprobe der Jünger. Sie haben im entscheidenden Moment nicht geglaubt.

Und was sollen wir da sagen, die niemanden mehr kennen können, der uns erzählt, dass ihm der Auferstandene begegnet ist. Wir sind einzig und allein auf unser Glaubensvertrauen angewiesen. Und das macht für mich die Sache so spannend. Wir glauben, weil es anderen vor uns gelungen ist den Glaubensfunken weiter zu tragen, bis er uns erreicht hat.

Ich halte es auch nicht für einen Zufall, dass ausgerechent der erste Sonntag nach Ostern, der Sonntag Quasimodigeniti ist. Mit seinem “Wenn Ihr wie die Kinder seid”, habt Ihr den ersten Blick ins Himmelreich erheischt. Aber gleichzeitig wird deutlich, mit welcher Überzeugungskraft der Glauben an uns weitergereicht wurde. Und so steckt in meinem Glauben die gesammelte Kraft, Glaubenskraft derer, die vor mir waren. Auf diese Weise bin ich noch immer mit Maria von Magdala und den Emmaus Jüngern verbunden. Wenn an die Stelle der Herzenshärtigkeit die Unbedarftheit kindlichen Gemüts und Glaubens rückt, dann verliert der Glaube – der protestantische allzumal – seine ganze Kopflastigkeit zugunsten einer tiefempfundenen Fröhlichkeit und gewinnt Lebendigkeit, die auf andere überspringt.

Amen.

Gottesdienst am Sonnabend
vor dem Sonntag Quasimodigeniti

14. April 2007

Silas-Kirche zu Berlin-Schöneberg

Predigttext: Markus 16,9-14

Perikopenreihe: V