Pfr. Martin Dubberke

Vom Muss zum Darf

„Diese ganze Scheiße mit der Zeit“ – Ein wunderbares Buch, das mich vom 5. bis zum 12. Mai begleitet hat. Ich liebe ja seine Art zu schreiben, diese Leichtigkeit nicht so ganz leichten Themen zu begegnen. Schon seine beiden Romane „Die kleine Geschichte einer großen Liebe“ und „Meine Tage mit Fabienne“ haben mich ja zu einem Fan Meyer-Burckhardts als Autor werden lassen.

Gleichzeitig hat mich bei der Lektüre dieses Buches auch meine persönliche Begegnung mit ihm im Bonhoeffer-Haus im Sommer vor zwei Jahren begleitet. Es war anlässlich des ersten Familientreffens aller Stämme der Bonhoeffer-Familie nach dem 75 Geburtstag Karl Bonhoeffers. Ich wusste gar nicht, dass er zu diesem Kreis gehört. Von Rüdiger Schleicher-Tappeser, dem Enkel von Ursula Bonhoeffer, der das ganze Treffen organisiert hatte, erfuhr ich dann, dass – wie man so schon sagt – eingeheiratet hat. Unsere Begegnung fand damals in der Bibliothek des Hauses statt – wie kann es auch anders sein? Er stand vor den Büchern und las die Titel auf den Rücken der Bücher und ich sagte zu ihm, dass das noch alles irgendwie geordnet werden müsse, weil die Bücher bislang meist nach Erwerb der Reihe nach ins Regal gestellt worden seien. Woraufhin er antwortete, dass er das ganz angenehm fände, weil man dabei doch mehr entdecken könnte, als wenn man gezielt zum Regal ginge und das Buch nähme, von dem man wüsste, wo es steht. Und dann erzählte er mir, dass er lieber eine gedruckte Zeitung lesen würde als eine digitale, weil man da doch immer auf Themen stoßen würde, auf die man sonst nicht so käme, wie z.B. einen spannenden Essay über das finnische Schulsystem. Genauso würde man in einer so geordneten Bibliothek auf Dinge stoßen, die man sonst nicht finden würden. Und dann unterhielten wir uns auch darüber, dass er eigentlich kein gläubiger Mensch wäre, aber es respektieren würde. Bei mir blieb damals der Eindruck zurück, dass er irgendwo dazwischen wäre, von manchem nicht losgelassen hätte und doch von noch viel mehr geprägt wäre. Eigentlich ein klassischer Kulturprotestant, ein Eindruck, den ich durch die Lektüre seines Buches bestätigt fühle.

Die Begegnung fand am 3. Juni 2018 an einem sonnigen Sonntag statt, also neun Monate nach seiner Krebsdiagnose. Zu dieser Zeit schrieb er schon an diesem Buch.

Also, diese Begegnung hat mich nun beim Lesen immer wieder begleitet und ich fand vieles aus dem Gespräch, das wir miteinander geführt haben an etlichen Stellen seines Buches wieder.

Schon allein der Titel dieses Buches ist eine Message, wie man heute so schön sagt. „Diese ganze Scheiße“ – das kommt nun wirklich von ganz tief innen heraus, aber interessanterweise wirkt es überhaupt nicht verbittert oder verzweifelt, sondern es klingt darin die große Lust am Leben mit all seinen wunderbaren und manchmal auch weniger wunderbaren Momenten mit. Trotz aller Leichtigkeit geht das Hubertus Meyer-Burckhardt in die volle Tiefe.

Meyer-Burckhardt ist acht Jahre älter als ich – also der gleiche Altersabstand wie zwischen meiner Schwester und mir – nicht ganz die gleiche Generation aber nahe dran. Die Musik, der Duft oder zuweilen auch der Mief jener Zeit und die Klamotten ist mir vertraut und präsent.

Meyer-Burckhardt löst bei mir viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend aus, auch wenn wir nicht den gleichen Soundtrack haben. Da, wo er die Stones oder Rod Steward hat, den ich erst mit zunehmendem Alter ins Herz geschlossen habe, habe ich Beethoven, die Beatles und Cindy und Bert. Nicht alles davon war für mich bahnbrechend, aber es gehörte zum Soundtrack meiner Kindheit und Jugend, wie die Hitparade und Disco mit Ilja Richter, Flipper, Lassie, Bonanza, Die Shilo Ranch und Raumschiff Enterprise.

Gleichzeitig bringt er mir noch einmal neben all der Weite des Aufbruchs jener Zeit auch die Enge jener Zeit wieder nahe, wenn er erzählt, wie das so war als Scheidungskind groß zu werden. Oh, ja, das war zuweilen eine große Angst in meiner Kindheit und Jugend, wenn die eigenen Eltern stritten und ich mitbekam, wie sich die Eltern von meinen Freunden und Schulkameraden scheiden ließen und das mit ihnen treffen schwieriger wurde, weil sie nun ein aufgeteiltes Leben führten.

Mich beeindruckt seine Liebe zu Kassel, der Stadt, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist. Für mich, der ich jetzt seit knapp einem Jahr nicht mehr in der Stadt lebe, in der ich geboren, altgeworden bin und das geworden bin, was ich heute bin, eine Stadt, die ich bin in die letzte Faser geliebt habe und auch noch immer liebe, wobei es mir so geht, dass es noch Orte mit hoher Emotionalität gibt, so wie bei Meyer-Burckhardt die Drusel, ist Berlin für mich eine andere Stadt geworden, die mir trotz allem Vertrauten fremd geworden ist, weil die Stadt, in der ich groß geworden bin, eigentlich nicht mehr existiert. Es ist so, als wäre vor annähernd dreißig Jahren mein Berlin untergegangen und auf seinen Mauern ein neues Berlin entstanden, ein mir fremdes Berlin, in dem es noch einige Ruinen des alten Berlins gibt, die ich gerne aufsuche. Mein Soundtrack ist dann Klaus Hoffmann, der Stadtführer in die Vergangenheit als Berlin noch Berlin war.

Tja, und damit bin ich, glaube ich bei einem ganz wesentlichen Punkt dieses Buches von Hubertus Meyer-Burckhardt angekommen. Ich glaube, dass er dieses Buch nicht nur als eine persönliche Rückschau geschrieben hat, einen Rückblick, eine Reise in die Vergangenheit, auf die ihn seine beiden Karzinome Shaw und Kafka geschickt haben, sondern auch, seinen Leser oder auch seine Leserin dazu einzuladen, es ihm gleichzutun. Das Buch triggert geradezu die eigenen Erinnerungen und ist damit wie eine gute Konversation. Wer dieses Buch liest und im ersten Moment vielleicht glaubt, dass hier jemand monologisiert, täuscht sich meines Erachtens. Dieses Buch ist eigentlich wie ein Dialog, wie eine gute Konversation.

Ja, und man merkt, dass er neben einer Kirche aufgewachsen ist und ihn der Protestantismus ganz schön geprägt hat. Da gibt es so wunderbare Sätze, wie z.B.:

„Was mich wirklich bekümmert: Ich habe das Gefühl mich noch immer von Ketten befreien zu müssen. Vielleicht von denen des Leistungs-Protestantismus. Ich war, wie gesagt, ein Pflichtesel, mein gesamtes Leben lang.“ (Seite 110)

Aber schon auf Seite 87 stellt er so passend den Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken fest:

„Die Katholiken sind wohl erfolgreicher im Gestalten des Diesseits und machen vielleicht auch dadurch Appetit auf das von ihnen kreierte Jenseits. Ein protestantisches Paradies möchte man sich ja nicht vorstellen.“

Das ist eine ganz besondere Lebensbindung. Und er stellt sie in Frage. Er stellt die Frage nach dem, was mich in meinem Leben geprägt hat und wo ich mich vielleicht auch lösen könnte, weil es – wie er sagt – Ketten sind. Das Buch ist insofern eine Bilanz und es ist ein Buch, das einen Wendepunkt im Leben beschreibt, der sich vom Muss ins Darf vollzieht. Eine gewisse Leichtigkeit des Alters.

Meyer-Burckhardt schaut auch genau auf seine Lebensentscheidungen, die er getroffen hat und bleibt dabei eigentlich wieder nüchtern protestantisch:

„Weil du wusstest, Hubertus, dass du nie die Champions League für Entertainer und Moderatoren erreichen würdest, hast du dich wahrscheinlich schon sehr früh entschieden, Filme zu produzieren.“ (Seite 87)

Das sind die Stellen, an denen er mich als seinen Leser einlädt, es ihm gleich zu tun, und danach zu fragen, warum ich mich an bestimmten Stellen meines Lebens dazu entschieden habe, das zu tun, was ich tue oder getan habe. Das ganze Buch ist wie eine Einladung, sich seine eigene Lebenszeit und Lebensgestaltung anzuschauen. Und das Raffinierte daran ist, dass es keine Tipps gibt. Alles muss aus einem selbst heraus kommen. Das gefällt mir.

Und natürlich gibt es die vielen Stellen, die mir so unwahrscheinlich vertraut sind, wie seine Feststellung.

„Als er [sein Großvater] starb, war ich 16, zu doof für gute Frage und zu ungeduldig, um zuzuhören.“ (Seite 104)

Dieses Gefühl, dieser Gedanke ist mir selbst sehr vertraut. Es gibt so vieles, was ich meinen Großvater, also den Vater meines Vaters, gerne noch gefragt hätte, aber auch den Vater meiner Mutter, dessen Leben noch mehr im Dunkeln liegt. Es hat bei mir aber zugleich noch etwas anderes ausgelöst. Lebe ich doch nun zum ersten Mal in einer räumlichen Distanz zu meiner eigenen Mutter. Ich kann nicht einfach mal rasch rübergehen wie zu den Zeiten, als ich noch in Berlin gelebt habe, sondern muss rund 900 Kilometer überwinden. Also telefonieren wir miteinander. Es sind die typischen Gespräche: Wie geht es Dir? Was gibt es Neues? Was macht…?

Mir ist bewusst geworden, dass ich in diesen Gesprächen auch ganz anders fragen muss. Ich bin nun alt genug und klug genug, die richtigen Fragen zu stellen, dass Wissen der Vergangenheit zu schöpfen und zu erhalten. Wenn meine Mutter nicht wie mein Vater sein Leben aufschreiben will, werde ich es erfragen.

Ach ja, und dann würde mich ja mal sein kleines schwarzes Notizbuch interessieren, das ihn schon sein Leben lang begleitet und, in das er ihm wichtige Zitate einträgt. Mir gefällt diese Idee. Vielleicht sollte ich auch mal damit anfangen. Ich hätte schon eine ganze Reihe Zitate, die mir wichtig sind. In seinem Buch habe ich ein paar Neue kennengelernt, wie z.B. das von Christian Saalberg (Seite 91):

„Das war mein Tag.
Ich bin aufgestanden,
habe gegurgelt,
habe mich rasiert,
sah im Fenster, wie ein Geschoß vorbeiflog,
das war die Sonne,
das war mein Leben.
Das ist noch einmal sehen kann,
bevor morgen ein Stein meinen Namen trägt.“

Es sind insbesondere eine ganze Reihe kurzer Nebensätze und Sätze, von Meyer-Burckhardt, die meine Gedanken auf eine Reise geschickt haben, wie z.B.: „Die Zeit ist unsere Chefin,…“ (Seite 27) oder: „Nimm Deine Lebenszeit ernst und dich nicht zu wichtig.“ (Seite 92) Und nicht zuletzt: „Manchmal gefällt mich lässig einfach besser als zuverlässig.“ (Seite 85)

Ganz Filmproduzent hat Hubertus Meyer-Burckhardt im Abspann seine Buches noch einen kommentierten „Soundtrack zu seinem Lebensfilm“ eine Playlist zum Nachhören und eine Literaturliste, mit der man die Lektüre Buch nachklingen lassen und vertiefen kann sowie Danksagungen angehängt.

Also, das Buch von Hubertus Meyer-Burckhardt wirkt. Es ist ein schlankes Buch von 133 Seiten, die es in sich haben. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb das Buch bei Gräfe und Unzer erschienen ist, einem Verlag, der je eigentlich mehr für Kochbücher und Lebensratgeber bekannt ist. Somit wäre Biographie geschickt als Lebensratgeber getarnt.

Ein Buch, das auf alle Fälle lesenswert ist und das nicht nur für Menschen ab 50, sondern auch für jüngere, denn – wie schreibt der Autor so schön:

„Wir sind zu Beginn unsres Leben Kinder, dann Eltern und Großeltern. Die Generationen verpassen sich. Wir kennen unsere Mutter nicht jung, und sie kennt uns nicht alt. Was gäbe ich dafür, noch auf eine Stunde bei einem Glas Wein mit meinem Großvater Hugo zusammensein zu dürfen. (Seite 104)

Pfarrer Martin Dubberke, 21. Mai 2020

Bibliographische Angaben

Hubertus Meyer- Burckhardt – „Diese ganze Scheiße mit der Zeit“, erschienen am 5. November 2019 bei Graefe und Unzer

Sprache: deutsch
ISBN-10: 3833872098
ISBN-13: 978-3-8338-7209-9
Format: epub