Passionsnotiz Nr. 31 | Bild: Martin Dubberke

…und es ward Stille

Ich sitze in dem schönen, großen Ohrensessel in der Bibliothek meines Hauses und genieße meinen morgendlichen Espresso. Ausnahmsweise bin ich um diese Zeit alleine im Haus und genieße die Ruhe. Um mich herum die geballte Ladung an theologischem Wissen, festgehalten zwischen zwei Buchdeckeln von bedeutenden Theologinnen und Theologen.

Es herrscht Ruhe, aber keine Stille. Ich höre draußen die Vögel und unter mir im Keller den Brenner unserer Heizung – ein sogenannter Raketenbrenner.

Stille ist etwas anderes. Ich kann mich erinnern, dass ich mal als Schüler für einen Moment allein in einem schalltoten Raum war. Da war Stille, absolute Stille,  unheimliche Stille.

Lukas erzählt in seinen Evangelium eine Geschichte von der Stille. Naja, wenn ich ehrlich sein soll, ist es eigentlich nicht die Geschichte von der Stille, sondern von dem wunderbaren Wirken Jesu in einer gefährlichen Situation.

Die Jünger waren mit Jesus zusammen in ein Boot gestiegen, um den See Genezareth zu überqueren. Dieser See ist deutlich größer als unser Wannsee. Er misst etwa dreizehn mal einundzwanzig Kilometer. Da ist man schon eine Weile unterwegs, um auf die andere Seite des Sees zu kommen und wenn etwas auf den See passiert, muss man eine gute Kondition haben, um an das rettende Ufer zu kommen. Wenn du das weißt, dann hast Du auch ein Gefühl für die Angst, die die Jünger verspürten, als plötzlich ein Sturm losbrach, während Jesus die Zeit nutzte, um sich im Schlaf von den Strapazen zu erholen.

Die Jünger weckten Jesus. In ihren Stimmen war die Todesangst und die Ohnmacht gegenüber dieser Naturgewalt zu hören.

Jesus wurde wach, stand auf und und bedrohte – wie Lukas es beschreibt – die Wogen und den Wind. Wie droht man Naturgewalten? Es würde mich schon interessieren, womit er gedroht hat. Aber das ist jetzt nebensächlich. Was zählt, ist der Effekt:

…und es ward eine Stille.

Diese Stille nach dem Sturm und dem Aufpeitschen des Wassers muss gigantisch gewesen sein. Beethoven hat das in seiner sechsten Symphonie versucht, in Töne zu fassen. Die Satzbezeichnung lautet hier „Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm.“ Eben tobte noch ein Unwetter und mit einem Male ist Stille und Beethoven gelingt es, auf geniale Art und Weise das Gefühl der Dankbarkeit, es überstanden zu haben, in Töne zu fassen, die dich selbst auch diese Dankbarkeit spüren lassen.

Wie groß muss die Dankbarkeit der Jünger gewesen sein, als mit einem Male diese Stille um sie herum war. Welche Erleichterung, welches Durchatmen. Du weißt, wie es sich anhört und anfühlt, wenn du bei der voll aufgedrehten Stereoanlage deiner Kinder den Stecker ziehst: Erlösende Stille.

Tja, da sitze ich nun in meinem Ohrensessel und meditiere ein wenig über Jesus und den Sturm, die Stürme des Lebens. Ja, die Stürme des Lebens.  Ich glaube, weitaus mehr Menschen in dieser Welt werden von den Stürmen des Lebens fort- und niedergerissen als von meteorologischen Stürmen.

Wie oft gab es schon solche Stürme in meinem oder deinem Leben, wo es wunderbar gewesen wäre, den schlafenden Jesus zu wecken, um ihn darum zu bitten, den Sturm so lange zu bedrohen, bis er mir keine Gefahr mehr ist.

Auch hier ist der schlafende Jesus wieder ein wunderbares Bild in der Passionszeit. Jesus ist da und doch nicht da. Er schläft und muss gerufen, aufgeweckt werden. Der Schlaf ist ja nicht nur ein Bild der Ruhe, sondern auch der kleine Bruder des Todes. Aus der österlichen Perspektive betrachtet, wird deutlich, wie wichtig es ist, Jesus anzurufen, ihn in der Not  um seine Hilfe zu bitten und die Geschichte erzählt, dass es klappt.

Nun werden wir selbst nicht so oft über einen See fahren und dort in einen Sturm geraten. Wir geraten aber in die Stürme des Lebens und des Alltags, die Hektik, die uns die Ruhe raubt, den Stress am Arbeitsplatz, weil alle mehr von dir wollen, als du in der zur Verfügung stehenden Zeit schaffen kannst. Auch die Familie muss nicht immer ein Ort der Ruhe sein. Der Wind weht von allen Seiten und du musst immer wieder darauf achten, einen festen Stand zu haben, eine gute Bodenhaftung, etwas, das dich erdet, damit du nicht fortgeweht wirst und das ist dein Glaube, dein Vertrauen darin, dass Jesus, das Gott dich in den Stürmen des Lebens bewahrt.

Als die Jünger Jesus weckten, war das nichts anderes als ein lautes, kräftiges Gebet, das von Jesus erhört wurde. Das soll auch heute noch so funktionieren…

Passionsnotiz Nr. 31 vom 31. März 2017