Martin Dubberke | Pfarrer

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen

Liebe Gemeinde,

der Predigttext aus Matthäus 4 ist überschrieben mit den Worten:

Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Matthäus 4, 12-17

Eigentlich beginnt das Wirken Jesu bei Matthäus so, wie es dann später mit dem Missionsbefehl endet. Im Missionsbefehl schließt sich der Kreis, der hier in Matthäus 4 mit dem Wirken Jesu begonnen hat. Der Beginn des Wirkens Jesu setzt sich konsequent im Missionsbefehl fort. Wir werden von ihm beauftragt und ermächtigt, zu lehren und zu taufen, zu lehren, was er uns befohlen hat und das zu halten, was er uns befohlen hat: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Und das Verrückte an der ganzen Situation ist, dass Jesus sein Wirken in einer Region begonnen hat, die gewissermaßen mit Berlin und Brandenburg zu vergleichen ist: In Galiläa. Jetzt fragen Sie sich sicherlich, wie ich auf diese Idee komme? Worin könnten sich Galiläa und Berlin oder Brandenburg ähnlich sein? Das liegt doch in ganz anderen Regionen dieser Welt, hat ein ganz anderes Klima, spricht eine andere Sprache.

Ja, wir Menschen lassen uns gerne von solchen Äußerlichkeiten ablenken. Aber achten Sie mal auf folgende Passage aus unserem Predigttext:

12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden…

Genau: „Das Galiläa der Heiden…“ – Sie wollen doch nicht bestreiten, dass wir hier in einer heidnischen Region wohnen. Volkskirche? Die Zeiten sind vorbei. Auch in unserem schönen Schöneberg. Schauen Sie sich einfach an, wie viele Gemeinden und Kirchenkreise in den vergangenen zwanzig Jahren zusammengelegt worden sind. Schauen Sie sich die Mitgliederzahlen unserer Gemeinden an. Wir leben  inmitten von Menschen, die glauben, dass es keinen Gott gibt und Menschen, die an einen anderen Gott glauben. Das hat sich so in unserer Geschichte ergeben. Und die Zahlen der Christen in Brandenburg sehen noch viel schlechter aus. Auch das hat sich in unserer Geschichte ergeben. Das Kirchenvolk ist unter der Herrschaft zweier aufeinanderfolgender diktatorischer Systeme vertrieben und verringert worden. Doch was hat das mit Galiläa zu tun, werden Sie sich jetzt fragen…

Die Region von Galiläa war im 8. Jahrhundert vor Christus von den Assyrern besetzt worden. Und die haben nahezu das ganze Volk verschleppt. Und so wohnten und lebten dort mit der Zeit mehr und mehr Heiden, also fremde Menschen, Menschen mit einem anderen Glauben oder gar keinen Glauben. Sie verstehen jetzt, wie ähnlich das heute Berlin und Brandenburg mit dem biblischen Galiläa sind.

So, und als Johannes der Täufer nun gefangen genommen worden war, ist Jesus nicht nach Jerusalem gezogen, dem religiösen Zentrum, sondern nach Kapernaum in Galiläa, also gewissermaßen in eine religiöse Wüste. Heute würde Jesus vielleicht statt nach Rom oder Köln nach Berlin ziehen. Allerdings nicht, weil Berlin so hip ist, sondern weil es ein wenig wie Galiläa ist.

Aber er hat das ja nicht nur getan, weil ihm so danach war, sondern weil damit die Verheißung erfüllt wurde, die durch den Propheten Jesaja gegeben war:

14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 „Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden. 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“

Jesus ist das Licht, das in diese Welt gekommen ist. Nicht umsonst, wird in vielen Weihnachtskrippen anstelle des Jesus-Kindes auch eine Kerze in die Krippe gestellt. Jesus ist das Licht der Welt. Wo das Licht ist, sehe plötzlich die Welt wie sie wirklich ist, weil mich jemand aus dem Dunkel meines Alltags rausholt und dieser Jemand ist Jesus.

Ich finde es klasse, dass er nach Kapernaum gegangen ist und nicht nach Jerusalem, wo der Tempel stand und die ganze religiöse Administration beheimatet war. Es erinnert mich ein wenig an die Heilige Nacht. Jesus wird nicht in einem First Class Hotel geboren oder in einer privaten Entbindungsklinik, sondern in einem Stall, einem einfachen Stall erblickt er als Licht der Welt das Licht der Welt.

Es sind auch nicht die VIPs oder Möchtegern VIPs, die ihm als erste die Aufwartung machen, sondern ganz einfache Hirten. Und die Hirten standen in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz, ganz unten.

Jesus in Kapernaum bedeutet, dass Gott ihn nicht zu einer ausgewählten, elitären Gruppe geschickt hat, sondern zu allen Menschen, auch den Heiden, weil Gott hat die Erde und auch den Menschen in seiner Verschiedenheit geschaffen. Er hat ihn nicht als Deutschen, Amerikaner, Russen, Türken oder Syrer geschaffen, sondern als Menschen. Die einzige Unterscheidung, die Gott machte, als er den Menschen schuf, war, dass er ihn als Mann und Frau schuf. Das war es auch schon. Gott schuf jeden Menschen nach seinem Bilde und damit bildet jeder Mensch einen kleinen Teil der Herrlichkeit Gottes ab, egal, ob Heide, Christ, Jude oder Muslim. Auch das wird deutlich in der Tatsache, dass Jesus nach Kapernaum und nicht nach Jerusalem geht. Jesus beginnt zu predigen und weiß, wenn es ihm gelingt, auch die Zweifler zu erreichen, die zu erreichen, die mit Gott nichts am Hut haben, dann schafft er es, alle zu erreichen, auch die, die schon glauben. Er spricht alle Menschen an und er tut dies in einer Sprache, die sehr einfach ist:

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Da jubelt in mir mein kleines Jahres-Anfangs-alles-wird-anders-Herz. Kann es eine schönere Aufforderung zu Beginn eines neuen Jahres geben als diese?

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Jesus sagt nicht: „Habt ein schlechtes Gewissen! Schämt Euch! Kriecht im Staube und bittet um Vergebung!“

Nein, zwei einfache Worte: Tut Buße! Also, ein Bußruf. Und was bedeutet das? Genau, das bedeutet zuerst einmal festzustellen: Mist, der Mann hat recht, ich habe in der Vergangenheit nicht verstanden, wie die Dinge zusammenhängen, sondern habe mich vollkommen um mich selbst gedreht. In diesen zwei Worten, die allen Menschen und nicht bestimmten Menschen zugerufen werden, steckt fast alles drin: Jeder ist gemeint – ohne jede Ausnahme.

Aber der Bußruf steht nicht für sich allein, sondern ihm folgt auch die Verkündigung der Gottesherrschaft: Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Er bindet die Aufforderung zur Buße mit dem nahe kommenden Himmelreich zusammen. Er eröffnet die Perspektive vor der sich Buße ereignet.  Paulus – und das haben wir vorhin sehr schön und treffend bei der Epistellesung aus dem Römerbrief gehört – beschreibt, wie diese Buße aussehen soll:

…ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Das ist die wahre Buße. Viel besser und schöner kann man es nicht formulieren.

Jesus hat diesen Bußruf und die Ankündigung der Gottesherrschaft hineingesprochen in eine Gesellschaft hineingesprochen, der man erklären musste, was Gott ist. Darin unterscheiden wir uns hier in Berlin und Brandenburg in vielen Fällen auch nicht. Wir müssen erklären, wer Gott ist und wir müssen erklären, was Buße ist.

Jesus hat das in eine Zeit hineingesprochen, die reif für seine Botschaft war. Auch unsere Zeit ist reif für diese Botschaft. Und wenn wir uns anschauen, wie es in dieser Welt aussieht, wissen wir,  dass Buße nottut, dass es um die Erneuerung unseres Sinnes geht, dass wir prüfen, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Als Jesus seinen Jüngern den Missionsbefehl gab, rief er sie auf einen Berg in Galiläa – also dorthin, wo einmal alles angefangen hatte – denn er wollte, dass Sie sein Werk fortsetzen und indem sie gelehrt und getauft haben, wirkt der Auftrag bis in die Gegenwart. Und dieser Auftrag gilt auch uns. Und darum dürfen wir nicht müde darin werden, zu prüfen, ob das, was uns andere als das Heil verkaufen, wirklich das ist, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Und wo es das nicht ist, mutig zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es ist uns die gleiche Überzeugungsarbeit, der gleiche Lehrauftrag anbefohlen, wie den ersten Jüngern.  Und Paulus spricht noch eine Warnung aus: Und stellt euch nicht dieser Welt gleich!

Wir neigen viel zu sehr dazu, den Glauben zu einer Privatsache zu machen. Das hat sich so in unserer Gesellschaft eingeschlichen. Christ zu sein bedeutet, sich durch die Erneuerung unseres Sinnes zu ändern, so dass wir prüfen können, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Und so gilt der Wochenspruch aus Römer 8,14:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Kinder Gottes.

Lasst uns vom Geist Gottes treiben!

Amen!

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias am 8. Januar 2017 in der Königin-Luise-Gedächtniskirche in Berlin-Schöneberg