Martin Dubberke | Pfarrer

Tauferinnerung

Wer von Ihnen und Euch kann sich noch an seine Taufe erinnern?

Ich fürchte, dass es den meisten so gehen wird wie mir. Wir waren einfach zu klein, als wir getauft wurden.

Vielleicht habe ich ja ein wenig mehr Glück, wenn ich die Frage stelle: Wissen Sie denn noch, an welchem Tag Sie getauft wurden?

Daran kann ich mich nun wiederum erinnern, weil meine Eltern das ganz raffiniert gemacht haben. Sie haben uns nämlich am nächsten folgenden Geburtstag des vorangeborenen Kindes taufen lassen. Sprich: Ich wurde am 28. Januar 1965 getauft – am Geburtstag meiner Schwester.

Getauft wurde ich in der Hochmeisterkirche in Halensee von Herrn Pfarrer Jentzsch.  Diese Kirche, diese Gemeinde sollte dann in meinem Leben noch eine ganz besondere Rolle spielen.

Gut, warum frage ich Sie das? – Weil heute der 1. Sonntag nach Epiphanias ist, der Sonntag an dem wir Christen uns an die Taufe Jesu Christi erinnern und uns auch unsere an eigene Taufe erinnern können.

Gut, wir haben ja gerade festgestellt, dass wir uns nicht wirklich an unsere Taufe erinnern können. Vielleicht wissen wir ja, ob wir geschrien haben oder nicht. Das sind ja so die Geschichten, die uns immer wieder gerne erzählt werden. Und vielleicht wird oder wurde in unseren Familien ja noch die eine oder andere Anekdote über die Taufe erzählt, dass eventuell der Pfarrer bei der Tauffeier einen im Tee hatte oder Tante Clothilde das Kleid am Rücken aufgerissen ist.

Gut, was machen wir dann, wenn wir uns nicht an unsere Taufe erinnern können? Schließlich ist die Taufe ja ein absolut wichtiges Ereignis in unserem Leben. Wir werden mit ihr Teil der Kirche, Mitglied einer sehr, sehr großen Familie.

Die ganzen anderen tiefen Dimensionen, die mit der Taufe verbunden sind, möchte ich jetzt hier gar nicht vertiefen, weil wir sonst Gefahr laufen, eine Vorlesung zu hören.

Mein Vorschlag an dieser Stelle ist, dass wir einen ersten Blick auf den Predigttext im ersten Kapitel des Ersten Korintherbriefs werfen. Der beginnt ja mit den Worten:

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung.

1. Korinther 1, 26

Vielleicht sollten wir einmal vor diesem Hintergrund einen Blick zurückwerfen. Wie sieht es denn aus mit unserer Berufung?

Sie sitzen ja heute hier im Gottesdienst, also muss doch die Taufe eine gewisse Auswirkung auf Ihr, Euer, unser Leben gehabt haben…

Wie also, ist das in unserem Leben losgegangen mit dem Glauben an Gott?

Wann und wo sind wir in unserem Leben zum ersten Mal Gott begegnet und was hat unseren Glauben ausgelöst?

Wie waren überhaupt unsere Grundvoraussetzungen?

Ich erzählte ja schon, wann ich getauft worden bin. Aber schon die Geschichte um meine Taufe herum klingt eigentlich wie eine Anekdote.

Viele Menschen lassen sich ja kirchlich trauen oder taufen ihre Kinder, weil es irgendwie dazu gehört, wie der Gottesdienstbesuch am Heiligen Abend. Bei mir war das ein wenig anders. Mein Vater glaubte nicht an Gott. Und dennoch ließ er mich taufen. Und sie werden lachen, aber genau damit hat er meinen Glauben mehr geprägt als er vielleicht je geahnt hätte mir bis zum heutigen Tag bewusst gewesen ist.

Sein Glaubenssatz lautete: „Wenn es einen Gott gegeben hätte, dann hätte es diesen Krieg nicht gegeben.“ Dieser Glaubenssatz meines Vaters, der 1930 geboren worden war,  hatte dazu geführt, dass er 1945 das erste Mal aus der Kirche ausgetreten ist.

Dieser Glaubenssatz hat meinen Glauben mehr geprägt als es viele meiner theologischen Lehrer vermocht haben. Ich muss an dieser Stelle wirklich Lehrer sagen, weil ich keine theologischen oder geistlichen Lehrerinnen hatte.

Ich konnte diesen Glauben meines Vaters nicht so einfach hinnehmen, weil ich nämlich daran glaube, dass es ihn gibt – diesen Gott – meinen Gott, den ich nicht für diese Kriege verantwortlich machen kann, weil Gott uns selbst mit der Übergabe seiner Schöpfung an uns Menschen, die Verantwortung mit den Worten „Macht Euch die Erde untertan“ übergeben hat.

Mein Vater hat mir mit der Taufe meinen Weg in den Glauben eröffnet. Nebenbei gesagt: Mein Taufspruch war heute Teil der Evangelienlesung:

Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Als mein Vater diesen Vers ausgesucht hat, hatte er damit wohl eher im Sinn, dass ich der lang ersehnte erste Sohn und damit auch der sogenannte Stammhalter war. Das Gott ihm dabei die Hand geführt haben könnte und damit sein eigenes Drehbuch für mein Leben aufgeschlagen haben könnte, war ihm dabei mit Sicherheit nicht bewusst.

Allerdings weiß ich nicht, ob mein Vater, geschweige denn Gott, immer so seinen Wohlgefallen an mir hatte oder hat.

Mit der gleichen Konsequenz, mit der mich mein Vater hat taufen lassen, hat er mich auch zum Religionsunterricht geschickt, wo es dann schließlich um mich geschehen ist.

Mein Religionslehrer – Herr Pelzer – ein wunderbarer, kleiner, älterer Mann, stets in einem grauen Anzug mit exakter Bügelfalte, weißem Hemd und dunkler Krawatte, war der Mann, durch den ich Gott kennengelernt habe. Ja, ich muss das wirklich so sagen. Weil, Sie ahnen es: Über Gott wurde bei uns zu Hause nicht gesprochen.

Dieser ältere Mann, mein geliebter Herr Pelzer, erzählte uns Kindern all diese Geschichten von Gott. Es war wirklich so. Er erzählte und wir Kinder hörten gespannt zu.

Es gibt ja viele Dinge, die wir als Kinder gesagt und getan haben, die wir vergessen. Aber eine Szene ist mir wie ins Gedächtnis gebrannt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich mit einem anderen Jungen aus meiner Schule zusammen am Rand des Sandkastens in unserem Block saß und er mich fragte, ob ich diese Geschichten, die der Herr Pelzer erzählen würde, glauben würde und, ob ich auch an Gott glauben würde. Und wissen Sie, was ich geantwortet habe mit meinen damals vielleicht sieben Jahren? – „Du, die Geschichten sind so unwahrscheinlich, dass sie wahr sein müssen.“ Und natürlich habe ich auch gesagt, dass ich genau deshalb an Gott glaube.

Erst später im Studium erfuhr ich, dass Tertullian das gleiche gesagt hatte. Bei ihm klang es nur schöner, weil er es lateinisch formuliert hat:

„Credo quia absurdum est.“

Ich glaube, weil es absurd – also unvernünftig – ist.

Sie meinen also, dass es kein Wunder ist, wenn ich Pfarrer geworden bin? – Nein. Als Kind einer Künstlerfamilie wollte ich Schauspieler werden. Ein Berufswunsch, den mein Vater mit aller Gewalt zu verhindern suchte. Er wollte, dass ich studiere und setzte da seine ganze Energie rein. Und dann kam ich doch eines Tages an und erzählte ihm, dass ich Theologie studieren möchte.

Sie glauben gar nicht, wie erleichtert mein Vater war. Er war am Ziel angekommen. Sein Sohn wollte studieren. Dabei schien ihm das Fach schon fast nebensächlich. Bei der Gelegenheit muss ich anmerken, dass ich damit nach annähernd dreihundert Jahren der erste Mann in der Familie war, der wieder studiert hat. Und nebenbei gesagt, mein Vorfahr hieß auch Martin Dubberke und war ebenfalls Pfarrer.

Mein Vater fragte mich später aber, ob ich es je bereut hätte, nicht Schauspieler geworden zu sein. Und ich antwortete ihm: „Nein, weil ich das, was ich geworden bin, von ganzem Herzen bin. Ich kann mir gar nichts anderes in meinem Leben vorstellen.“

Und dann stellte ich ihm eine Frage: „Warum hast Du uns eigentlich taufen lassen und in den Religionsunterricht geschickt und konfirmieren lassen, wenn Du nicht an Gott glaubst?“

Er antwortete: „Ich wollte einfach, dass ihr selbst entscheiden könnt, ob das was für euch ist oder nicht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass eines meiner Kinder dann ausgerechnet Pfarrer werden wollte.“

Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist doch: Inwieweit mein Vater im Himmel seine Hände dabei im Spiel hatte, und dann stellt sich die Frage: Warum und weshalb?

Und wenn ich mir diese Frage stelle, dann lande ich wieder beim Predigttext:

»Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Warum erzähle ich Ihnen das so persönlich? Vielleicht, weil es für Sie als meine Gemeinde ganz interessant sein könnte, was mich als Ihren Pfarrer so in meinem Leben geprägt hat? Weil es dazu gehört, von seinem Glauben und seinem Weg dorthin zu erzählen, weil das Teil des Rühmens Gottes ist? Das vielleicht auch. Aber vor allem erzähle ich Ihnen das, weil ich Sie auf diese Weise einladen möchte, sich selbst auch die gleichen Gedanken zu machen, denn damit kommen wir nämlich wieder beim Predigttext an: Seht auf eure Berufung…

Aber vielleicht lese ich an dieser Stelle einfach mal den ganzen Text vor:

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!« 1.  Korinther 1, 26-31

Das ist der Moment, wo wir uns noch einmal kurz an die Weihnachtsgeschichte erinnern dürfen. Es waren die Hirten, die sich um die Krippe herum versammelten, nicht die oberen Zehntausend, nicht die Bildungselite, es waren die Menschen, die sich ganz am Rand der Gesellschaft befanden. Und Jesus kam auch nicht in einem Palast zur Welt, sondern in einem Stall.

Es waren auch genau diese Menschen, die sich zuerst um das Kreuz Jesu versammelt haben. Gottes Blick galt zuerst den sogenannten bedeutungslosen Menschen. Also Menschen, die auf den ersten Blick keinen Einfluss auf Veränderungen in einer Gesellschaft haben könnten. Gott, der am allerhöchsten ist, denkt ganz von unten her.

Niemand ist daher bedeutungslos, so gering er sich auch fühlen mag.

Die Menschen rühmen sich gerne selber ihrer Weisheit und dazu gehören nicht nur die Politiker, die dafür in Talkshows ihre Bühne haben. Wer sich selber rühmt, hat nicht unbedingt ein gesteigertes Selbstwertgefühl, sondern ganz im Gegenteil. Das ist der Grund, weshalb Paulus hier im ersten Brief an die Korinther seine Ablehnung diesbezüglich so scharf formuliert.

Der Predigttext ist im Prinzip auf die Kerngemeinde zugeschnitten, also auf die, die immer da sind, die immer kommen, so wie Sie, wie Ihr heute.

Dieser Text ist an all diejenigen gerichtet, die da sagen: „Was kann ich schon ausrichten? Was können wir denn schon ausrichten?“

Eine andere Frage: Was konnte der Mensch Jesus ausrichten? – Mit Jesus können wir jede Menge erreichen. Was bei Paulus zuerst wie ein Kampftext klingt, ist in Wirklichkeit ein Mutmachtext.

Sicherlich, wenn wir mit dem, was wir im Namen Gottes tun, erfolgreich sind, laufen wir natürlich Gefahr, uns am Ende doch der eigenen Weisheit und so weiter und so fort zu rühmen. Aber genau aus diesem Grunde beten wir:

Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ja, das Gute, Wahre und Richtige zu tun, kann auch dazu führen, sich selbst mehr zu rühmen als Gott, der einem den Weg geebnet hat, das zu tun, was man tut.

Wenn Paulus schreibt:

Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Es ist nicht unsere Weisheit, auf die wir uns berufen können, sondern es ist die Weisheit Gottes, der wir folgen. Und wenn wir mit dieser Weisheit erfolgreich sind, dann rühmen wir mit unserem Handeln nicht uns, sondern Gott. Und genau das ist die Perspektive, aus der heraus unsere Berufung geschehen ist.

Ich habe Ihnen heute etwas mitgebracht, das ich Ihnen zeigen möchte und das gut zum Thema Tauferinnerung und unserem Predigttext passt. Es ist das Taufkleid von Dietrich Bonhoeffer. Auch er war einmal ein kleines Kind, das vielleicht bei der Taufe geschrien hat. Wir wissen es nicht. Wir wissen aber durch ihn, was möglich ist und wird, wenn wir uns dessen bewusst werden oder bewusst sind, welche Berufung uns aus der Taufe heraus erwächst – oder ganz einfach:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Römer 8, 14

Amen.

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias am 7. Januar 2018 in der Königin-Luise-Gedächtniskirche über 1. Korinther 1, 26-31