STEH AUF UND GEH! – LEBEN WIDER DIE RESIGNATION

Liebe Brüder und liebe Schwestern!

Das Jahresthema der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland lautet in diesem Jahr:

„Steh auf und geh! – Leben wider die Resignation“

Eine kurze, knappe Aufforderung. Eine Einladung zum Aufbruch. Ein Aufruf zum Wandel. Ein Mutmachen dafür, etwas anzugehen. Es markiert die Wende zum Neubeginn, den Ausstieg aus einer hoffnungslos erscheinenden Situation. Ein Appell wider die Hoffnungslosigkeit. Steh auf und geh!

Doch wohin soll der Aufbruch gehen?

Wovon soll der Wandel, nämlich das Ab- und schließlich Hinwenden stattfinden?

Woher kann die Hoffnung kommen?

Worauf kann sie gründen?

In welcher Situation befinden wir uns?

Ist es der richtige Zeitpunkt aufzustehen?

Was benötigen wir überhaupt, um aufstehen zu können?

Der Predigttext aus dem zweiten Kapitel des Markus-Evangeliums wird uns darüber Aufschluß geben können.

Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, daß er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so daß sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen gelähmten von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der gelähmte lag.

Als Jesus nun ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“

Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, daß sie so bei sich dachten, und sprach zu ihnen: „Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem gelähmten: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“

Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so daß sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: „Wir haben so etwas noch nie gesehen!“

Diese Heilungsgeschichte macht mir fünf Dinge deutlich:

Zum Wandel gehört ein Erlebnis. Oft ein dramatisches, einschneidendes Erlebnis, das in eine Krise führt. Krise ist Anlaß zum Wandel. Sie macht deutlich, daß die Zeit überreif ist. Männer und Kirche haben hier etwas gemeinsam: Nur aus der krisenhaften Not heraus wird Wandel möglich, der schon lange nötig gewesen wäre.

Zum Wandel bedarf es Helfer, brauche ich Gemeinschaft. Ich muß es nicht alleine angehen. Der Gelähmte wandte sich an vier Freunde, die ihn trugen.

Männer brauchen Freunde, Männer, die einander tragen und zu tragen wissen, die nicht aufstecken, wenn es eine Menge Hindernisse gibt. In diesem Sinne hat die Kirche die Männerarbeit erfunden.

Zum Wandel bedarf es den Glauben. Der Glaube verbindet. Im Glauben steckt die Kraft zur Veränderung. Ich muß nur daran glauben und mit der Kraft dieses Glaubens einfach damit beginnen, in kleinen Schritten Berge zu versetzen, damit ich mich nicht verhebe. Ein Marathonläufer fängt ja schließlich auch nicht gleich mit der ganzen Strecke an, aber er hat bei allem, was er tut immer die volle Distanz im Auge.

Aus dem Glauben erwächst Hoffnung und Hoffnung macht ungewöhnliche Wege möglich. Solche Hoffnung öffnete den Weg und schließlich das Dach zu Jesus. Solche Hoffnung macht auch ungewöhnliche Antworten möglich. Auf solche Hoffnung kann man – wie uns Jesus deutlich macht – nicht mit vorgefertigten Antworten reagieren.

Leben wider die Resignation ist aus der Hoffnung heraus möglich. Der Gelähmte hat nicht getan, was resignieren eigentlich heißt, nämlich seine Zeichen zurückzunehmen, sein Zeichen wegzunehmen, seine Segel zu streichen. Er und seine Freunde hatten die Resignation aufgegeben und ein Zeichen der Hoffnung gesetzt. Leben, um ein Zeichen zu setzen. Es gibt einfach Situationen im Leben, die beim ersten Hinsehen zum Resignieren Anlaß geben, doch in Wirklichkeit dazu herausfordern, ein Zeichen zu setzen: „Es geht auch anders!“ Das ist genau das, was wir in der Männerarbeit tun und zeigen wollen. Wenn es nicht anders ginge, gäbe es uns nicht mehr, denn unsere beiden hauptamtlichen Mitarbeiter mußten vor einem Jahr ausscheiden und vom 1. Januar 1999 an bekommen wir keine Haushaltsmittel mehr aus Kirchensteuern.

Leben wider die Resignation schafft Gemeinschaft derer, die ein Licht anzünden wollen.

Kurz und gut: Solcher Glaube macht aufständisch. Solcher Glaube läßt aufbrechen.

„Männer im Aufbruch“ lautet der Titel einer empirischen Männerstudie, die die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands in Auftrag gegeben hat. Heute in einem Monat, am 11. November wird diese Studie veröffentlicht. Ein Ergebnis geht deutlich aus ihr hervor: „Über fünfzig Prozent der deutschen Männer wünschen sich eine starke Veränderung ihrer eigenen, männlichen Identität. Sie suchen nach neuen Wegen in der Partnerschaft, im Beruf und im Verhältnis zu sich selbst. Doch viele von ihnen sind stark verunsichert. Die alten Rollenbilder stimmen nicht mehr und neue stehen kaum zur Verfügung. So befinden sich viele Männer in einem Zwiespalt. Sie möchten sich wohl auf den Weg machen, doch sie zögern, weil sie das Ziel dieses Weges nicht oder nur sehr ungenau bestimmen können. Die Studie macht deutlich, daß besonders Männer, die ihr Rollenverständnis stark verändert haben oder eine Veränderung wünschen, in ihrer religiösen Orientierung stark destabilisiert sind.“1

Hier sind wir als Evangelische Männerarbeit, die eine Lebens- und Wesensäußerung der Kirche Jesu Christi ist, aufgefordert, zu handeln. Hier sind wir als solche, die Männern helfen wollen als Christen in der Gesellschaft zu leben und in ihr Verantwortung wahrzunehmen, in der Pflicht, Antworten zu finden. Wir können auf diese Fragen nämlich nicht mehr mit traditionellen Antworten reagieren, weil ja die Tradition als solche, die die Bilder von Mann und Frau kirchlich, theologisch definiert hat, selbst in Frage gestellt wird. Nicht in Frage gestellt wird dahingegen – zumindest innerkirchlich – der Glaube und das Evangelium. Aus ihnen heraus werden wir neue, gute und befriedigende Antworten auf schwierige Fragen finden müssen. Es sind nämlich neue Fragen in einer neuen Zeit. Das heißt, wir müssen auch den Mut haben ungewöhnliche – nämlich ungewohnte – Antworten zu geben und Wege zu finden. Das wird nicht ohne Kontroversen abgehen, das zeigt uns das Beispiel Jesu in der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten, die gewissermaßen den traditionellen Way of Life bevorzugen.

Es wird hierbei nicht um eine Anbiederung an den Zeitgeist gehen, sondern darum, in der Zeit Antworten auf die Zeit zu finden.

Ich erinnere an dieser Stelle an die überaus lebendige Diskussion, die wir vorgestern im Männerrat geführt haben, als ich meine Veranstaltungen für das erste Halbjahr 1999 vorgestellt habe. Eines der Angebote trägt den Titel: „Wenn die Liebe nicht mehr reicht… – dann scheidet der Mensch, was Gott zusammengefügt hat“. Es wird in Deutschland mittlerweile jede dritte Ehe geschieden. Und wie ich kürzlich erfahren habe, betrifft es auch zehn Prozent aller Pfarrer- resp. Pfarrerinnen-Ehen. Viele heiraten wieder. Und spätestens da beginnt das Problem für die, die kirchlich geheiratet haben und die, die als Pfarrerin oder Pfarrer an dieser Stelle nun eine Entscheidung treffen müssen, denn im christlichen Verständnis gilt die Ehe als unauflöslich. Ich möchte nicht fragen, wieviele unter uns wenigstens zum zweiten Mal kirchlich getraut sind. Nach unserem Verständnis leben sie nämlich in Bigamie. Und hier werden wir uns Gedanken machen müssen, ob wir als Kirche, zum Beispiel in Form einer gottesdienstlichen Handlung anläßlich einer Ehescheidung antworten sollten.

Solche Fragen scheinen an den Grundfesten unseres Glaubens zu rütteln. Doch was sollen wir Angst vor solchen Erschütterungen haben, sind wir doch fest geerdet im Evangelium?

Woher rührt Hoffnung? Nehme ich nur einmal die Männer, die zu mir in die Beratung kommen. Sie hoffen auf eine Fortsetzung ihrer Beziehung, auch wenn sie diese zerstört haben. Sie sind in eine Lage geraten, die ihnen erschreckend deutlich macht, wie sehr sich ihre Situation verändern muß. Diese Männer sind an einen Wendepunkt in ihrem Leben geraten, der dazu geführt hat, daß sie sich in einer Beratung Hilfe holen. Sie versprechen sich davon die Rückkehr ihrer Partnerin, weil sie hoffen, ihr mit diesem Schritt zu zeigen, daß sie noch etwas in die Beziehung investieren. Das ist vollkommen legitim. Auch solche Hoffnung ist nicht unbegründet. Aber was passiert, wenn die Partnerin wirklich nicht mehr zurückkommt? In vielen Fällen läßt der Mann dann alle seine Hoffnung fahren und bricht die Beratung ab. Er geht und hofft, bald seinen Schmerz überwunden zu haben und eine neue Frau zu finden. Hat so ein Mann die richtige Hoffnung gehabt?

Die Frage drängt sich sicherlich auf. Aber das ist an dieser Stelle nicht so entscheidend. Vielmehr entscheidend ist, daß Hoffnung sich in einer Krise artikuliert, als der Wunsch der Überwindung. Hoffnung zeichnet in der Not eine Perspektive auf. Damit wird Hoffnung zu einem Anlaß zur Wende, der Veränderung. Hoffnung signalisiert keine Rückkehr, sondern Umkehr. Hoffnung schafft Bewußtsein für die Realität und trägt in sich zugleich eine Vision für die Zukunft.

Leider ist Hoffnung aber allzu oft noch immer die Kraft des Ausharrens. Z. B. die Partnerinnen „meiner“ Männer: Sie haben oft Jahre lang gehofft, daß der Mann sie nicht mehr schlagen würde. In dieser Hoffnung sind sie geblieben. Diese Hoffnung hat sie bleiben lassen. „Es wird schon wieder werden. Wir haben uns doch geliebt.“ Solche Hoffnung kann Vertröstung zum Verharren sein, zum Aushalten der Not, der Krise, zum Warten auf eine neue und bessere Zeit. Doch weit gefehlt: Hoffnung ist die Kraft zum Wandel. Weil ich die Hoffnung habe, muß ich nicht verharren, muß ich nicht gelähmt sein. Hoffnung ist aktive Veränderung. Hoffnung ist Aufbruch.

Hoffen ist loslassen und nicht festhalten. Hoffnung trägt, und weil ich mich getragen weiß, darf ich mich getrost es wagen. Hoffnung macht Handeln möglich. Weil der Mann hoffte mit Hilfe Jesu wieder gehen zu können, ließ er sich zu ihm tragen. Er ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, was es bedeutet, von der Hoffnung getragen zu werden.

Was aber unterscheidet Hoffnung von christlicher Hoffnung? Es ist die Perspektive. Wer in einer Krise steckt, sieht meist von der Gegenwart in die Zukunft und hofft, daß sich die Gegenwart zu einer lebbaren Zukunft wandelt. Christliche Hoffnung aber ist ein Perspektivenwechsel. Ich sehe nicht mehr von der Gegenwart in die Zukunft, sondern von der Zukunft in die Gegenwart.

Solche Hoffnung wird durch Jesu Verheißung des Reiches Gottes möglich. Das Reich Gottes ist die Zukunft, von der aus ich die Gegenwart sehe. Das Wissen um das kommende Reich Gottes ist nicht Vertröstung auf eine bessere Zeit, die mich im Hier und Jetzt aushalten läßt. Die Hoffnung auf das kommende Reich Gottes ist Herausforderung zur Veränderung von Mißständen. Ohne dieses Reich gäbe es nicht die verläßliche Kraft zur Veränderung. Tut Buße und glaubt an das Evangelium. Hoffnung ist Umkehr.

Weil ich um das Reich Gottes weiß, muß ich die Mißstände nicht mehr akzeptieren. Nichts wird so bleiben wie es ist. Umkehr ist gelebte Hoffnung. Hoffnung ist der gelebte Mut zum Neubeginn.

Auch heute dürfen sich Männer so getragen wissen. Sie sind nicht auf sich selbst gestellt, sondern auf die Hoffnung, die ihnen Gott durch Jesus Christus gegeben hat.

Hoffen ist loslassen und nicht festhalten des Überkommenen. Hoffnung trägt, und weil ich mich getragen weiß, darf ich mich getrost es wagen. Ich halte nicht an der Hoffnung fest, die mich mit der Gegenwart vertröstet, sondern an der Hoffnung, mit seiner Hilfe, sie verändern zu können.


 

Predigt anlässlich meiner Einführung zum Landesbeauftragten für die Arbeit mit Männern in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg am 11. Oktober 1998 in der Französischen Friedrichstadtkirche