Pfr. Martin Dubberke
Die Steine schreien | Bild: Martin Dubberke

So werden die Steine schreien

Liebe Geschwister, ich halte hier in meiner Hand einen Stein, zweifelsohne einen schönen Stein, den ich aus meinem Garten mitgenommen habe. Was glauben Ihr, was der kann? Normalerweise liegt er direkt am Rande des Goldfischteichs in meinem Pfarrgarten und er schweigt genauso wie die Fische. Glaubt Ihr, dass dieser Stein singen könnte oder gar schreien?

Ich weiß es nicht. Vielleicht könnte er ja Geschichten erzählen, von denen wir nichts ahnen. Wer weiß, was er da so alles in meinem Garten erlebt. Vielleicht kann er sich ja doch unterhalten mit all den kleinen Tierchen, die da so durch den Garten summen und schleichen. Vielleicht hört er auch Dinge, die wir nicht hören können, wie den Gesang der Goldfische. Vielleicht ist er ja auch Teil eines Steinchores, nur dass wir nicht in der Lage sind, den schönen Gesang zu hören.

Ich nehme diesen Stein und spüre, wie er sich doch trotz seines Gewichts ganz gut in meine Hand einschmeichelt. Seine Kälte weicht der Wärme meiner Hand. Und wenn ich mir so den Stein betrachte, muss ich an Situationen denken, in denen mir so ein Stein vom Herzen gefallen ist und ich tief aufgeatmet habe und meinem lieben Schöpfer gegenüber Dankbarkeit verspürt habe, verschont geblieben zu sein. Oder manches Essen, das mir wie ein Stein im Magen lag. Ich denke an die Steine, aus denen unsere Kirchen gebaut sind. Wenn ich mir so recht überlege, was so die Steine der alten St. Martin Kirche erzählen könnten. Die ältesten von ihnen sind schon seit bald tausend Jahren in dieser Kirche. Was haben die erlebt? Was haben die gehört? Was haben die überlebt? Was könnten sie erzählen, könnten sie erzählen…

Oder die neue St. Martin Kirche, in der ja auch viele Steine aus der Burg Werdenfels sind. Was die wohl so erzählen könnten?

Aber könnten sie schreien? Naja, wenn ich diesen Stein zu Boden fallen lassen würde, machte er wohl einen ganz schönen Krach und würde wohl auch eine Bodenfliese zerstören.

So ein Stein kann, wenn er erst einmal losgelassen ist oder sprichwörtlich ins Rollen kommt, bewegen. Ich glaube, dass wir viel zu selten über die Bedeutung von Steinen in unserem Leben und in unserem Glauben nachdenken, außer wir besteigen einen Berg, bauen ein Haus oder lassen einen Grabstein aufstellen.

Na, und dann denke ich natürlich ganz unwillkürlich an die Rollenden Steine, die Rolling Stones. Das sind Steine, die singen und Musik machen können und mit dieser Musik Menschen in Bewegung bringen.

Aber warum habe ich nun diesen Stein mitgebracht? – Erinnert Ihr Euch noch an den letzten Satz im Predigttext?

„Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Lukas 19, 40

Was war passiert? Jesus war in Jerusalem eingezogen. Ihr erinnert Euch, die Geschichte habt Ihr zum letzen Mal am Palmsonntag gehört. Jesus zog wie ein König in Jerusalem ein. Allerdings auf einem Eselsfüllen und alle Welt jubelte, legte Palmzweige auf den Weg oder warf ihre Kleider auf die Straße, damit Jesus wie auf einem roten Teppich in Jerusalem einziehen konnte. Mittlerweile war der Zug am Abhang des Ölbergs angelangt und die ganze Menge der Jünger jubelte nach wie vor aus voller Kehle, lobte Gott, indem sie immer und immer wieder alle Taten, die sie gesehen hatten laut ausriefen. An der Stelle muss ich immer an die nette Formulierung denken „Wes Herz ist voll“. Tja, und dann riefen sie natürlich auch noch:

„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

Uups. Das ist ja ein sauberes Bekenntnis, dass Jesus der König ist. Das hat nicht jedem da auf der Straße gefallen. Das roch nach Revolution. Schließlich gab es doch schon einen König in Jerusalem.

Und dann kamen ein paar Pharisäer aus der Menge auf Jesus zu und sprachen ihn an, wie früher wohlmeinende Menschen in der Kirche Eltern angesprochen haben, wenn die Kinder laut gebrabbelt haben und für Unruhe gesorgt haben: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“

Aber was tut Jesus? Klar, natürlich sagt der nicht: „Ja, ja ist schon gut.“ Nein, der sagt: „Ich sage euch: „Wenn diese – also meine Jünger – schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Wieder uups. Gut, das mit den Steinen bleibt erst einmal verwirrend. Aber Jesus tut etwas Spannendes. Er bestätigt das, was die Jünger da aus voller Brust und Überzeugung rufen. Ja, er, Jesus, ist der König, der im Namen des Herrn kommt, der Friedenskönig. Jetzt ist es raus! Es gibt nun kein Zurück mehr. Jesus ist König und er ist als König in Jerusalem eingezogen und das Volk skandiert es tausendfach. Selbst, wenn jetzt sofort und auf der Stelle die Jünger schweigen würden, klänge das Echo noch in den Steinen der Stadt Jerusalem wieder: Jesus ist der König, der im Namen des Herrn kommt.

Jesus sagt den Pharisäern nichts anderes als: Ich bin dieser König. Es ist raus. Es kann nun vor niemandem mehr verheimlicht werden.

Und dennoch diese Steine, diese schreienden Steine, wenn die Jünger schweigen würden. Was heißt das?  Ist das Schweigen der Jünger so unmöglich wie das Schreien der Steine?

Das mögen vielleicht die Pharisäer gedacht haben. Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, wir können diese Stelle besser verstehen, wenn wir mal einen Blick auf das werfen, was nach dem Predigttext, was direkt nach diesem Satz Jesu geschieht, wie die Geschichte weitergeht.

Jesus weint nämlich als er die Stadt sieht über Jerusalem und sagt: „Wenn auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor Deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem anderen lassen in dieser, weil du nicht die Zeit erkannt hast, in der du besucht worden bist.“ Lukas 19, 41-44

Und danach folgt dann die berühmte Tempelreinigung.

Mit einem Male verliert das „Schreien der Steine“ alles Enigmatische, alles Rätselhafte.

Das heißt: Wenn wir nicht mehr jubeln, wenn wir nicht mehr in die Welt hinausrufen, dass Jesus der König ist, dann wird die Welt zugrunde gehen. Dann werden die Steine schreien. Jeder, der einmal dabei war, wie ein Haus eingerissen worden ist, weiß, wie sich das Schreien von Steinen anhören kann.

Und Jesus sagt uns noch etwas an dieser Stelle. Wenn wir aufhören von Jesus zu erzählen und so zu leben, wie es uns Jesus vorgelebt hat, wenn wir ihm nicht mehr nachfolgen, dann werden wir untergehen. Wenn wir den Glauben nicht von einer Generation zur nächsten Generation weitergeben, werden wir untergehen. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wenn es uns nicht gelingt, die Relevanz des Glaubens für unser Leben deutlich werden zu lassen, wird niemand mehr unseren Glauben ernst nehmen, wird niemand mehr Jesus Christus in seinem Wirken ernst nehmen, wird niemand mehr die Relevanz dieses Glaubens für sein eigenes Leben erkennen können. Wenn uns das nicht gelingt, verliert Glaube seine Glaubwürdigkeit.

Was bedeutet das für uns? Genau! Eine Tempelreinigung. Wir müssen ganz schön aufräumen. Wir müssen all das Wegräumen, was uns den Blick auf das Wesentliche verbaut. Das heißt auch, dass wir vielleicht mit der einen oder anderen alten Vorstellung brechen müssen. Wir müssen uns ganz genau anschauen, was es braucht, um die Relevanz des Glaubens erkennbar bleiben oder wieder werden zu lassen. Das bedeutet in erster Linie, über den Glauben zu sprechen, über den Glauben miteinander ins Gespräch zu kommen. Das heißt, sich auch zu trauen, über den Glauben zu sprechen, und zwar nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb. Sich zu trauen, den eigenen Glauben nicht zu verbergen, sondern auch zu sagen, dass bestimmte Entscheidungen in meinem Leben vom Glauben getragen sind, dass unser Handeln vom Glauben bestimmt ist, von unseren Glaubenserfahrungen zu sprechen. Wenn wir das nicht tun, weil wir Angst haben, verlacht zu werden oder nicht ernstgenommen zu werden, dann handeln wir nicht anders als Petrus, der dreimal Jesus geleugnet hat.

So, und damit komme ich nämlich zu der zentralen Botschaft des Textes. Da habe ich Euch nämlich noch einen wichtigen Vers bislang vorenthalten: Da fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten…“

Damit fängt der Predigttext an. Und wir überlesen hier ganz leicht das, worauf es ankommt, weil wir uns gleich auf das Bekenntnis zu Jesus als König konzentrieren. Die Menschen, die Jesus gefolgt sind, haben nämlich etwas ganz Entscheidendes getan. Sie haben mit lauter Stimme alle Taten Jesu, die sie gesehen und damit erlebt hatten, gelobt. Sprich, sie haben erzählt, was Jesus in ihrem Leben bewirkt hat. Sie sind Zeugen des Wirkens Jesu. Und genau das war der Grund, weshalb die Pharisäer Jesus gebeten haben, die Menge zurechtzuweisen, weil nämlich genau das brandgefährlich für das bestehende System wurde.

Jesus, der hinterfragte, der einen kritischen Blick auf alles „das war schon immer so“ hatte, der den Tempel reinigte, um die Konzentration auf das Wesentliche wiederherzustellen, machte ihnen klar, dass er genau das nicht tun würde, womit er die Pharisäer elegant zurechtwies.

Und vergessen wir nicht: Bevor Jesus in Jerusalem eingezogen ist, hat er das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden erzählt. Uns allen, die wir hier sitzen, ist dieser Glaube anvertraut. Dieser Glaube ist unser Pfund, in dieser Welt etwas zu bewegen. Wenn wir dieses Pfund nicht einsetzen, dann wird niemand mehr die Relevanz des Glaubens für diese Welt, für das Miteinander, den Frieden, den Erhalt von Gottes Schöpfung, einer verantwortlichen Wirtschaftsordnung und vielem anderen mehr erkennen. Dann werden wir alles verlieren.

Trockene Flussbetten, hungernde Kinder, von Kriegen zerstörte Städte in aller Welt, Unterdrückung von Minderheiten, Flüchtlinge, schmelzende Gletscher, Medikamente, die nicht lieferbar sind, Gewalt, waffenstrotzende Paraden sind alles Beispiele für die schreienden Steine, von denen Jesus spricht.

Paulus hat aus gutem Grund seinen Kolossern folgende Mahnung ins Stammbuch geschrieben, die auch uns gilt:

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Kolosser 3, 16-17

Also, wenn Ihr beim nächsten Spaziergang einen Stein findet, hebt ihn auf, nehmt ihn mit nach Hause und stellt ihn gut sichtbar in Eure Wohnung oder Euer Haus, damit er Euch stets daran erinnert, was passiert, wenn Ihr nicht von unserem gemeinsamen Glauben erzählt, wenn Ihr nicht alles, was Ihr in Worten und Werken tut, im Namen des Herrn Jesus tut. Und wenn Euch jemand fragt, warum Ihr da einen Stein auf dem Esstisch habt, dann erzählt ihm die Geschichte von den schreienden Steinen.

Amen.

Pfr. Martin Dubberke
Pfarrer Martin Dubberke

Pfarrer Martin Dubberke, Predigt am Sonntag Kantate, 2. Mai 2021 in der Johanneskirche in Partenkirchen über Lukas 19, 37-40 (Perikopenreihe III)