Martin Dubberke | Pfarrer

Protestant ist nicht gleich Protestierer

Was müßte geschehen, damit ich die Propheten einer anderen Religion, eines anderen Gottes niedermetzle? Wann könnte ich zu so einen Fundamentalisten und Eiferer werden, dass ich das Gebot: Du sollst nicht töten, im Namen Gottes brechen würde? – Das ist die Frage, die sich mir spontan bei der Lektüre des Predigttextes stellt. Und sie lässt mich nicht los. Sie rotiert und rotiert in meinen Gedanken und will jeden weiteren Gedanken blockieren. Und schließlich: Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen überhaupt jemanden nieder zu metzeln aus welchem Grund auch immer. Gottes-Eiferertum scheint meinem Wesen und Glauben fremd.

Dabei gibt es heute nicht weniger Propheten anderer Religionen als zu Elias Zeiten. Sie haben nur andere Namen und scheinen nicht weniger bedrohlich für mein Verhältnis zu meinem Gott. Es ist eben nur nicht mehr Baal, sondern der Karrieregott oder der Geizgott, der Konsumgott, Ego-Gott oder die Sonntagsöffnung. Und jeder dieser Götter hat seine Jünger und Propheten, die mich für sich gewinnen wollen. Viele wittern dahinter immer die Gefahr des Abfalls, der Verrohung und des Niedergangs. Es wird mit scharf geschliffener Wortklinge dagegen gefochten. Es scheint mir ein Wesenszug von uns Protestanten zu sein, erst einmal Protest einzulegen. Doch was bedeutet protestieren? Widerspruch einlegen. Dagegen sein. Es ist immer eine negative, eine verneinende Haltung. Protest zehrt einen aus. Protest ist anstrengend und freudlos. Protest verbittert. Protest ist wenig einladend.

Nun, Elia hat alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht. Aber es ist nicht überliefert, dass es ihm danach besser gegangen wäre. Ganz im Gegenteil. Er erhielt von höchster Stelle eine Morddrohung, so dass er die Flucht in die Wüste antrat, wo er in eine tiefe seelische Krise geriet. Sein Gotteskriegertum hatte nichts verändert. Am liebsten wäre ihm die Flucht in den Tod gewesen. Doch dann rührt ihn zweimal ein Engel an. Zweimal erhielt er die Aufforderung zu essen und sich auf den Weg zu machen. Vierzig Tage ging er durch die Wüste. Vierzig Tage Auszeit. Und schließlich gelangt er an den Berg Gottes und muss erleben, dass Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer ist, sondern ein sanftes Sausen.

Ein sanftes Sausen aber entfaltet mehr Wirkung als die größten Naturkräfte. Dieses sanfte Sausen nahm die Gestalt Jesu Christi an. Und damit kommt die zweite Bedeutung von Protestant ins Spiel: öffentlich als Zeuge auftreten und in diesem Falle als Zeuge meines Glaubens. Zeuge sein, heißt, vom sanften Sausen unverkrampft berichten. Es geht weniger darum, wie die, die anders sind, auf mich wirken, sondern, wie Gott auf mich wirkt. Und Gott begegnet mir dem sanften Brausen der Gelassenheit, des Wissens um den eigenen Wert. In diesem sanften Brausen ruht das ganze Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein Gottes, das es ermöglicht, mit ruhigem Kopf und ruhigen Sinnen das Leben um mich herum wahr zu nehmen und damit keine Entscheidungen des Eiferns zu fällen, wo das Handeln schneller als der Verstand und vor allem der Glaube ist. „Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, hat auf keinen Sand gebaut.“ Das Sanfte Sausen ist die Kraft der Gelassenheit. In der Gelassenheit ruht die Heiterkeit. Heiterkeit macht offen. Und Offenheit ist wiederum einladend. Auf diese Weise bin ich gerne Protestant.

Amen.

 


Predigttext aus 1 Könige 19,1-13a

1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. 2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! 3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. 4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. 5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! 6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. 7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. 9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? 10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. 11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.


Gottesdienst am Sonnabend
vor Sonntag Okuli

24. Februar 2007

Silas-Kirche zu Berlin-Schöneberg

Predigttext: 1 Könige 19,1-13a

Perikopenreihe: VI