Martin Dubberke | Pfarrer

Predige so ehrlich und aufrichtig und lauter, als ginge es um Dein Leben

Wer oder was sagt Ihnen eigentlich, daß ich Ihnen das Evangelium wahr und recht und lauter predige?

Wer oder was sagt Ihnen, daß ich in guter Absicht predige und nicht aus Neid und Streitsucht, weil ich vielleicht mit der Kirche oder wem auch immer noch die eine oder andere Rechnung offen habe, also im Dissens bin? Wer oder was sagt Ihnen eigentlich, daß ich Christus nicht aus Eigennutz verkünde und mich seiner nur bediene, um meine eigene Auffassung zu predigen, meine eigene Lehre, Ihnen also etwas überzustülpen möchte?Was macht Sie so sicher, daß ich in guter Absicht predige? Was überhaupt ist die gute Absicht? Schließlich gibt es hier mindestens zehn verschiedene Perspektiven, die eine andere Sicht auf das haben, was eine gute Absicht sein könnte.

Was macht Sie so sicher, daß der Mensch, der hier vorne steht, ihnen nicht die Hucke voll lügt, Ihnen das Evangelium als etwas vorgaukelt, was es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht ist?

Was ist das überhaupt? Das Evangelium, Christus in guter Absicht zu predigen. Predigt der Waffensegner Christus in guter Absicht? Predigten die Deutschen Christen in guter Absicht oder waren es die Pfarrer der Bekennenden Kirche? Predigten die Christus in guter Absicht, die den Kreuzzug als Verteidigung des christlichen Glaubens mit Blut und Mord predigten?

Woran erkenne ich einen aufrichtigen Prediger? Vielleicht daran, daß er für seine Predigten im Knast sitzt oder gehenkt wurde. Ist also nur ein toter Prediger ein guter Prediger?

Warum ich Ihnen all diese Fragen stelle? Diese Fragen sind nichts anderes als der Predigttext für heute. Er seht im Brief an die Philipper 1, 15-21:

Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, daß ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß´, daß mir dies zum Heil ausgehen wird durch Euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, daß ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern daß frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Chrisus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

 

Ich frage sie einfach mal, ob Sie sich auf’s Schafott dafür legen lassen würden, daß Sie hier sitzen? Ich habe die größten Schwierigkeiten damit, daß jemand seine Aufrichtigkeit im Predigen damit unter Beweis stellen möchte, daß er bereit ist, sich dafür hinrichten zu lassen. Ich empfinde das als eine fatale Einstellung, weil es etwas Selbstherrliches hat. Ich kann das nur schwer ertragen, wenn jemand behauptet, daß er für seinen Glauben zu sterben bereit wäre.

Ich sehe da die ganzen Mammutschinken aus den fünfziger Jahren, in denen die Christen sich mit Gesängen im Circus Maximus oder im Kollosseum von den Löwen zerfleischen ließen, weil sie sich zu Jesus bekannten.

Die Haltung aber gibt es auch noch heute. Noch heute gibt es Märtyrer, Frauen und Männer, die bereit sind, für ihren Glauben zu sterben.

Ich sehe in der von Paulus zur Schau getragenen Bereitschaft zu sterben, damit er die Aufrichtigkeit seines Predigens unter Beweis stellen kann, eine Botschaft, die zu einem fatalen Mißverständnis und damit Gradmesser für die Stärke des Glaubens werden kann. Und Paulus hat dazu ja einen besonderen Hang. Es ist ja nicht das erste Mal, daß ihn sein Glauben und Predigen in die Zelle gebracht hat.

Ja, ich muß nicht sehenden Auges in das Messer laufen, aber mich sollte der Tod – und da haben wir ja heute sehr viel differenziertere Formen des Kaltstellens – weniger beeindrucken als das heilige Wort. Ich sage es mal so: Predige so ehrlich und aufrichtig und lauter als ginge es um Dein Leben.

Was mich aber eigentlich und wirklich an diesem Text beeindruckt, ist die Behauptung, daß es vollkommen egal sei, ob man aus Eigennutz predige oder aus Liebe und in aller Aufrichtigkeit und Lauterkeit.

Was mich daran so beeindruckt? – Das Vertrauen in die Macht der Botschaft Christi. Egal wie ihn jemand predigt, die Essens seiner Botschaft wird sich immer deutlich herauskristallisieren und somit weiterleben und wirken, mehr als jede Entstellung es vermag.

Was mich aber auch noch an der ganzen Sache beeindruckt, ist der Umstand, daß Paulus nicht in irgendeiner Kirche gepredigt hat. Er ist in diese Zelle gesperrt worden, weil er es gewagt hat, in aller Öffentlichkeit zu predigen und nicht in irgendeiner abgeschlossenen Kirche. Er hatte nichts zu verbergen. Und das ist das für mich kaum vorstellbare. Ich kann es mir kaum vorstellen, mich da draußen vor die Tür zu stellen, wo sie gerade den Markt abbauen und zu predigen. Ich weiß nicht, was passieren würde. Mir würde keiner zuhören, oder sie würden mich faulem Obst beschmeißen oder mich auslachen. Ich sehe ja auch schon recht komisch aus mit dieser schwarzen Kutte.

Paulus hat sich dieser Masse, dieser teils feindlichen, teils gleichgültigen, teils aufgeschlossenen Masse Mensch gestellt. Wir trauen uns das nur noch zu Kirchentagen, wenn wir wissen, daß wir die Mehrheit bilden und uns eigentlich auch wieder exklusiv unter uns wissen.

Es beeindruckt mich ungeheuer, daß Paulus hier nicht jammert und lamentiert. Er ist so zuversichtlich, daß das Christus auch ohne ihn weiter in dieser Welt Bedeutung haben wird, daß egal wer und wie er gepredigt würde, immer in dieser Welt wirken würde.

Das erinnert mich an unsere Situation heute. Kirche jammert, daß ihr die Menschen davon laufen. Kirche jammert, daß sie die Menschen nicht halten kann. Kirche jammert, daß sie die Kirchen und Gemeinden nicht halten kann, daß sie die Kirchtürme als Leuchttürme Christi in dieser Welt aufgeben muß.

Ja, die Kirchen sind steingewordene Predigt, aber eben nur steingewordene. Sie stehen für die Verfestigung. Ja, sie sind wichtiger und oft auch wesentlicher Bestandteil des Gemeindelebens und oft auch der Stolz einer Gemeinde oder das, was eine Gemeinde wieder zusammenschweißt, wenn es darum geht die Kirche, also das Gebäude zu retten. In dem Moment wird sie wieder lebendige Predigt.

Aber brauchen wir wirklich diese ganzen Kirchen? Ich weiß sehr wohl, daß ich jetzt provoziere, so wie einmal vor dreißig Jahren Pierre Boulez, als er forderte, alle Opernhäuser anzustecken. Was würde passieren, wenn wir die Kirche aufgeben würden? Kein Geld mehr in ihren Erhalt stecken würden, sondern das Geld woanders investieren würden. Wir würden in den kirchlichen Gremien eine Menge Zeit sparen und vielleicht zu den wirklich wesentlichen Dingen kommen.

Nehmt diese Kirchen, diese Häuser aus Stein nicht wichtiger als das Wort Gottes. Schöne Kirchen sind eine Wohltat für den Menschen, aber was sind sie für Gott? Ich gebe es offen und ehrlich zu, daß ich lieber in großen, mächtigen und vielleicht auch noch goldglänzenden Kirchen predige, die nur ein müder Abglanz des Glanzes Gottes sein können. Ich gebe frei und offen zu, daß ich in ihnen lieber als in verrauchten Kneipen predige. Aber eine solche Kirche ist nur ein schöner und durchaus beeindruckender Ort, an dem ich mich umso einsamer fühle, je größer und leerer er ist. Ich fühle mich dann bedrückend einsam.

Was will ich damit sagen? Wir brauchen keine Kirchen. Das macht mir Paulus damit deutlich, sondern wir brauchen die Botschaft. Wir sollten also nicht die Kirchen in den Vordergrund stellen, sei als Gebäude, sei es als katholische, evangelische, lutherische, reformierte, methodistische, baptistische und wie sie alle heißen mögen Kirchen, sondern wir sollten die eigentlich e Botschaft in den Vordergrund stellen.

Diese kleine Silaskirche liebe ich, weil sie eine Turnhalle ist oder sein könnte. Sie zeigt mir, daß Gottesdienst da ist, wo wir beten, singen , loben, preisen.

Der Zerfall der Kirchen steht nur für die Unattraktivität unserer Amtskirchen, nicht für die Botschaft, denn die Menschen sammeln sich nach wie vor unter dem Worte Gottes, nicht nur bei uns, sondern bei vielen. Ich denke hier auch an die Freikirchen. D.h., die Botschaft nimmt unabhängig von mir, von Dir und Dir, unabhängig von der EKD, der EKiBB ihren Lauf. Sie wird anders gepredigt und vielleicht nicht immer in unserem Sinne. Sie wird vielleicht mißbräuchlich gepredigt, aber sie ist nicht tot zu kriegen, selbst, wenn man Jesus ans Kreuz schlägt, selbst – um es ins Extrem zu treiben – , wenn man jeden einzelnen und jede einzelne von uns ans Kreuz schlagen wollte, um uns zum Schweigen zu bringen. Das Wort ist so vital, daß es seit 2000 Jahren die Welt bewegt. Es ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen und das ist das, was mich am allermeisten beeindruckt, und es mich immer wieder von neuem glauben läßt.

Ein Wort, das so stark ist, kann nur wahrhaft göttlich sein, was immer ich aus ihm mache. Entweder wird das, was ich sage anerkannt oder es löst Widerspruch aus, was aber bleibt, ist immer das Wort, ist immer Christus, über den ich gesprochen habe. Und damit bleibt als unverrückbare und wahre Botschaft immer nur das eine übrig: Jesus Christus, der zur Vergebung unserer Sünden gestorben ist.

Jesus ist das Weizenkorn, das im Tod erstorben und uns, die wir warn verlorn, das Leben erworben; bringt viel Frücht zu Gottes Preis, derer wir genießen, gibt sein’ Leib zu einer Speis, sein Blut zum Trank süße. (EG 78,9)

Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus tritt herein. Denen, die Gott lieben, muß auch ihr Betrüben lauter Freude sein. (EG 396,6)

Also freut Euch! Oder mit einem anderen Wort: Laetare!

Amen.

1. April 2000 – Sonntag Laetare
Evangelische Silasgemeinde zu Berlin-Schöneberg
Text: Philipper 1, 15-21 (Reihe IV)