Martin Dubberke | Pfarrer

Memento mori

Heute ist Buß- und Bettag. Wir Protestanten feiern diesen Tag zwar schon seit 1532, aber erst 1852 wurde für alle Protestanten der Mittwoch zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag oder auch Totensonntag als einheitlicher Termin festgelegt. Das ist ein gut gewählter Zeitpunkt, weil Angesichts der Ewigkeit und des Todes auch immer wieder das eigene Leben auf den Prüfstand gestellt werden sollte.

Interessanterweise nehmen sich die meisten Menschen ja zu Silvester vor, etwas in ihrem Leben zu ändern. Der richtige Tag dafür ist aber der Buß- und Bettag. Das ist der Tag, an dem wir im Gespräch mit Gott klären, ob wir mit unserem Leben noch auf dem richtigen Weg sind oder davon abgekommen sind. Und wenn wir davon abgekommen sind, klären wir mit ihm, warum und weshalb wir das getan haben. Am Buß- und Bettag richten wir unser Leben neu aus und norden es wieder auf Gott ein.

Der Buß- und Bettag ist aber auch der Tag, an dem ich auf den anderen zugehen kann, und mich z.B. bei Ihm für Missverständnisse entschuldigen kann, damit Angesichts des Todes in meinem irdischen Leben nichts offen bleibt.

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Psalm 90,12

In Psalm 90 heißt es:

Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,
und was daran köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

Unser Leben vergeht wie im Flug. Die Woche hat kaum angefangen, schon ist sie vergangen. Das neue Jahr hat doch eben erst begonnen und schon ist November.

Wir haben in diesem Jahr neue, kleine Menschen im Leben begrüßt und haben von Menschen Abschied genommen, weil sie woanders hingegangen sind und weil sie von uns gegangen sind.

Von manchem Menschen konnten wir vielleicht keinen Abschied nehmen, weil sie einfach so gegangen sind, vom Diesseits ins Jenseits. Sie haben sich dazu entschlossen zu gehen.

Wir konnten von Menschen keinen Abschied nehmen, weil sie morgens aus dem Haus gingen und am Abend nicht mehr heimkamen, denn sie waren Opfer eines Unfalls geworden.

Wir haben von Menschen lange Abschied genommen, weil sie noch nicht loslassen konnten.

Wir haben Abschied von Menschen genommen, die wir begleitet haben und am Morgen eingeschlafen waren.

Unser Leben scheint eine Folge von Abschieden und Zurückbleiben zu sein.

Und doch bleibt die Erinnerung an ein Lachen, eine Marotte, eine kleine Geschichte, eine große Geschichte. Dankbarkeit für Menschen, die uns begleitet, geprägt, gefördert und befreit haben.

Und das Jahr neigt sich wieder einmal seinem Ende und die Nebel der grauen Jahreszeit erinnern einen an das Sterben und damit auch an die eigene Sterblichkeit.

Wir sind nur Gast auf dieser Erde. Sie ist uns nur geliehen.

Memento mori – Bedenke, dass Du sterben musst.

Ich wohne in Berlin in einem Haus, an dem eine Gedenktafel für Mascha Kaléko hängt. Mascha Keléko war eine jüdische Dichterin, die 1938 ins New Yorker Exil ging. Die Wohnung in unserem Haus, war ihre letzte Berliner Adresse, bevor sie Deutschland verließ.

Mascha Kalékos Leben war geprägt vom Tod. Sie verlor ihren Mann und auch Ihren Sohn an schwere Krankheiten.

Mascha Kaléko hat 1945 unter der Überschrift „Memento“ ein Gedicht geschrieben. Sie finden es auf der wunderbaren Mascha Kaleko-Website von Gisela Zoch-Westphal:

Bitte lesen Sie an dieser Stelle das vollständige Gedicht von Mascha Kaléko “Memento” auf www.kaleko.ch

Der Tod ist Teil des Lebens, meines Lebens. Ich kann mich noch gut an mein Seelsorgeseminar im Studium erinnern. Wir mussten damals ein Semester lang einmal in der Woche einen Menschen im Seniorenheim nebenan besuchen. Einer meiner Studienkollegen geriet dabei in eine große seelische Krise.

So mit dem Alter und dem Sterben konfrontiert, wurde er sich plötzlich bewusst, dass auch er sterben muss. Das Thema Tod hatte in seinem Leben bislang keine Rolle gespielt. Ich verstand ihn damals nicht. Der Tod war vor gut 25 Jahren nicht in meinem Horizont. Ich hatte zwar nahe stehende Verwandte verloren, hatte während der Semesterferien in der Krankenhausseelsorge gearbeitet und Menschen beim Sterben begleitet. Aber der Tod war kein Thema, dass – auf mich bezogen – Ängste bei mir auslöste.

Inzwischen bin ich fast fünfzig, Vater zweier Söhne, und weiß, wo die Jahre geblieben sind und wie schnell die letzten zwanzig Jahre vergangen sind. Zum achtzigsten Geburtstag meiner Mutter vor zwei Wochen haben wir Bilder aus ihrem Leben gesammelt und daraus ein Fotobuch gemacht.

Als ich die Bilder so sah, wurde ich wehmütig, weil mir bewusst wurde, wie lange das alles her ist. Alte Gefühle kamen in mir hoch, Sehnsüchte. Gleichzeitig wurde mir aber auch angst und bange, weil ich nun zu rechnen begann… Ich bin 60, wenn meine Jungs 18 sind. Ich bin 72, wenn meine Söhne dreißig sind und wieder halte ich mir vor Augen, wie schnell die letzten zwanzig Jahre vergangen sind.

„…denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Ich habe Angst, dass die Jahre wie auf Turbo geschaltet vergehen. Mir wird bewusst, dass das Leben nicht ewig auf Erden ist und mir wird bewusst, dass auch das Leben meiner Eltern nicht ewig wären wird.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind nachts aufwachte, weinte und weinte bis meine Mutter kam und mich fragte, was ist. „Ich will nicht, dass ihr sterbt“, schluchzte ich damals.

Am Sonntag ist mit 85 Jahren mein Onkel gestorben. Der letzte in meiner Familie, der noch Ostpreußisch sprach. Ich kann mich an keinen anderen Menschen in meinem Leben erinnern, der ansteckender lachen konnte als er. Er schlief nach dem Sonntagsfrühstück in seinem Pflegeheim friedlich ein. Mit ihm ist wieder ein wenig Familiengedächtnis gestorben. Wie viel hat er mit in den Tod hineingenommen?

Was meinem Studienkollegen vor einem viertel Jahrhundert so beängstigend klar wurde, ist heute auch bei mir angekommen. Ich lebe – nicht jeden Tag und auch nicht jeden Moment – aber immer wieder sehr bewusst in dem Wissen darum, dass der näher kommt.

Wieder im 90. Psalm betet der Psalmist:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Im Wissen, um die begrenzte Zeit auf dieser Erde, wird mir meine Zeit immer wertvoller. Ich werde nervös, wenn mir jemand Zeit stiehlt.

Ich bin aber auch gelassener geworden.

Zu wissen, dass ich sterben werde, dass es eine ganz klare Grenze in meinem Leben gibt, nach deren Überschreiten etwas Neues beginnt, lässt mich immer wieder fragen, ob das, was ich tue, wirklich das ist, was ich bis ans Ende meines Lebens tun möchte. Es lässt mich immer wieder die Sinnfrage stellen, nichts als selbstverständlich hinnehmen. Ist es das, was der Psalmbeter meint, wenn er sagt: „auf dass wir klug werden.“

Tod ist Abschied und Neuanfang. Für beide Seiten fängt etwas Neues an. Für mich als Christ beginnt mit dem Tod das ewige Leben. Etwas, das schwer zu fassen und zu verstehen ist. Es ist viel darüber geschrieben worden.

Es gibt viele Mutmaßungen und die Erzählungen derer, die eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben. Ich habe keine Ahnung wie das ewige Leben ist oder sein wird. Und dennoch glaube ich daran, weil ich es mir nicht anders vorstellen kann, als das nach dem Tod noch etwas kommt. Es kann kein Nichts geben. Auch das Tröpfchen blaue Farbe, das ich ins Meer träufelt, bleibt, auch wenn ich es nicht mehr sehen kann. Das Ziel des irdischen Lebens ist – so verrückt es klingen mag – der Tod.

Für den, der bleibt, beginnt auch etwas Neues. Die Zeit danach. Die Zeit ohne den anderen Menschen. Eben das, was Mascha Kaléko mit den Worten beschreibt: Doch mit dem Tod der andern muß man leben.“ Ich kenne Menschen, die daran zerbrochen sind, auch weil der Tod zur Unzeit kam. Der Mann geht morgens zur Arbeit und kommt am Abend nicht wieder, weil er einen tödlichen Unfall hatte. Das eigene Kind – Gott bewahre – erkrankt an einer unheilbaren Krankheit und stirb – wie man so pathetisch sagt – vor seiner Zeit. Ich habe das bei jemandem in meinem Bekanntenkreis erlebt. Sein Kind erkrankte an der furchtbaren Krankheit und kämpfte und nach zwei Jahren starb es.

Bitte lesen Sie an dieser Stelle die dritte Strophe des Gedichts auf www.kaleko.ch 

Für ihn beginnt die Trauer, die Zeit, die er braucht, um den Schmerz zu überwinden, die Wut darüber, dass der andere jetzt einfach nicht mehr da ist. Und irgendwann beginnt die Zeit, in der man unbeschwert über den Toten spricht, über ihn lacht, weil man sich seiner erinnert. Plötzlich ist er mitten unter uns, weil wir uns seiner erinnern.

Im Sommer bin ich nach langer Zeit auf dem Friedhof gewesen und habe meine Großeltern und meine Tante und meine Urgroßeltern, die ich leider nur aus Erzählungen kenne, besucht. Ich hatte meine beiden Söhne, die sechs Jahre alt sind, dabei. Ich dachte, es wäre an der Zeit, sie mit dem Thema vertraut zu machen und sie meiner Verwandtschaft vorzustellen. Wir pflanzten neue Blumen und kamen während der Ferien des Öfteren vorbei, um die Blumen zu gießen. Und ich plötzlich merkte ich, dass ich nicht nur mit meinen Jungs redete, sondern auch mit meiner Tante, meinen Großeltern und ich ihnen ihre Urenkel vorstellte und mit Ihnen ins Gespräch kam.

Ich glaube, es ist wichtig, auch mit den Toten das Gespräch zu suchen. Es ist schwierig, weil es auf den ersten Blick einseitig scheint. Aber im Gespräch kommen wieder Erinnerungen zu tage, die vergessen schienen. Und es wird deutlich, dass wir im Tod wie im Leben miteinander verbunden sind.

Amen.