Martin Dubberke | Pfarrer

Mein Herr und mein Gott

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte,zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nagelmale sehe und meinen Finger in die Nagelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20, 19-29)

Liebe Gemeinde,

der Herr ist auferstanden. Wahrlich er ist auferstanden! Nur glauben muss man es nun noch.

Die Jünger Jesu, haben es nicht geglaubt. Ja, doch, so ehrlich muss man es sehen. Nicht allein Thomas hat es nicht geglaubt, bevor er Jesus gesehen hat und seine Wundmale berühren durfte. Der Rest der Jünger war hier keineswegs besser, auch wenn das in der Geschichte nicht auf den ersten Blick auffällt.

Schlage ich nämlich das Johannes-Evangelium auf und schaue mir mal an, was davor geschehen ist, kann ich die Geschichte von Maria von Magdala lesen.

Maria von Magdala suchte das Grab Jesu auf und fand es verwaist. Sie glaubte zuerst, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden. Also holte sie die Jünger. Die schauten sich das leere Grab an und Petrus ging in die Grabhöhle. Johannes schreibt hier: „Denn sie verstanden das Schriftwort noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste. Da gingen die Jünger wieder heim.“

Maria aber blieb in ihrer Fassungslosigkeit am Grab stehen und weinte. Und dann sah sie zwei Engel im Grab, die sie fragten: Warum weinst Du? Sie antwortete: Sie haben den Leichnam Christi gestohlen. Dann wandte sie sich ab, um zu gehen und sah Jesus ohne zu erkennen, dass es Jesus war, der sie auch fragt: Warum weinst DU? Und wieder antwortete sie, dass man den Leichnam Jesu gestohlen habe und sie wissen wolle, wo er geblieben ist. Daraufhin sagt Jesus nur: Maria! Er nennt sie nur bei ihrem Namen und sie erkennt ihn und nennt ihn „Rabbuni!“ Mein Meister.

Maria erkannte Jesus, nachdem er sie beim Namen genannt hatte. Das ist fast so, wie bei den Emmaus-Jüngern. Die erkannten Jesus während des zwanzig Kilometer langen Fußmarsches von Jerusalem nach Emmaus ebenfalls nicht. Auch nicht, während er Ihnen die Schrift auslegte. Sie erkannten ihn erst, als er das Brot brach. In beiden Fällen heißt es, dass ihr Blick gehalten wurde.

Interessant finde ich, dass weder Maria noch die beiden Emmaus-Jünger in Jesu Wunden fassen mussten, um ihn zu erkennen. Es wird nicht einmal von seinen Wunden gesprochen. Beiden Geschichten ist gemeinsam, dass Sie Jesus zuerst nicht erkannt haben, obwohl er neben ihnen gestanden und mit ihnen gesprochen hat. In beiden Fällen hat die Trauer über den Verlust Jesu, sie blind werden lassen. Ihre Trauer, ihre Enttäuschung über den Tod Jesu, der nun nicht mehr das große Werk, die Befreiung Israels vollenden würde. Eine Welt, eine Hoffnung war zusammengebrochen. Sie fühlten sich schwach, ausgeliefert.

Die beiden Emmaus-Jünger haben Jerusalem fluchtartig verlassen und die Jünger Jesu haben sich in ihrem Haus geradezu verbarrikadiert. Die Situation in Jerusalem muss so aufgeheizt gewesen sein, dass die Anhänger Jesu Angst um ihr Leben hatten.

Die Jünger saßen nun in ihrem Bunker wie die verschreckten Kaninchen und wussten nicht, was sie tun sollten. So richtig haben Sie Maria von Magdala auch nicht glauben wollen. Sie hatte ihnen doch erzählt, dass Jesus auferstanden und ihr begegnet und mit ihr gesprochen hat. Aber, was sie nicht selbst gesehen haben, wollten und konnten Sie nicht glauben und bunkern sich ein.

Sie fühlten sich im wahrsten Sinne des Wortes verloren. Es sieht so aus, als wenn ihnen nicht nur der Mut, sondern auch der Plan für’s Weitermachen gefehlt hätte.

Da tritt – durch die verschlossene Tür hindurch – Jesus in ihre Mitte, entbietet ihnen den Friedensgruß und zeigt Ihnen seine Wundmale, gerade so, als wolle er sich vor den ungläubig dreinblickenden legitimieren und wirklich auf Nummer sicher gehen.

Die Jünger werden wieder froh, die Glut alter Begeisterung entflammt wieder und nun passiert etwas ganz wichtiges. Jesus erteilt den Jüngern den Auftrag, den ihm schon sein Vater gegeben hat. So wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.

Das ist eine in jeder Beziehung spannende Schlüsselszene. Jesus gibt den Jüngern den Auftrag, das Werk zu vollenden, das er begonnen hat. Die Jünger haben wieder ein Ziel in ihrem Leben, weil sie nun einen Auftrag haben. Und Jesus geht noch einen Schritt weiter. Wie um es zu besiegeln, bläst er Ihnen den Heiligen Geist ein und verleiht ihnen auch die göttliche Vollmacht, Sünden zu vergeben und zu behalten.

Die Jünger haben nun Ihr ganz besonderes Auferstehungserlebnis gehabt. Nun glaubten endlich auch sie, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Und gleich darauf machen sie die gleiche Erfahrung, die auch Maria von Magdala gemacht hat. Einer aus ihrer Runde war nämlich nicht dabei, als Jesus sie in ihrem Haus besucht hat: Thomas.

Als ihm seine Jünger-Kollegen erzählen, was geschehen ist, reagiert er darauf, wie der Rest, als Maria ihnen vom Auferstandenen erzählt hat: Er glaubt ihnen nicht. Und da macht es auch keinen Unterschied, dass es zehn seiner Mitbrüder waren, die es ihm erzählten. Nein, er könne es nur glauben, wenn er Jesus gesehen und seine Wundmale berührt hätte.

Jesus erscheint also ein zweites Mal in der Jüngerrunde und lässt Thomas nun seine Wundmale berühren. Und nun sagt Thomas den entscheidenden Satz: „Mein Herr und mein Gott!“ Thomas erkennt in Jesus Gott.

Darauf antwortet Jesus: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst Du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Damit unterstreicht Jesus, dass die Mission, auf die die Jünger von ihm geschickt worden sind, eine dauerhafte sein wird, die auf lange Sicht die Welt verändern wird. Er macht deutlich, dass heute nur der Anfang gemacht worden ist. Jesus sagt, dass nicht jeder so privilegiert sein wird, wie Thomas, Jesus, Gott leibhaftig zu sehen um glauben zu können. Die Herausforderung wird sein, zu glauben ohne zu sehen. Eine Herausforderung, der wir uns heute jeden Tag stellen. Wir glauben, ohne Jesus zu sehen, ohne ihn jemals berührt zu haben, ohne mit ihm durch Israel gezogen zu sein. Wir glauben, weil die Jünger mit der Kraft des Heiligen Geistes ausgestattet, nun wieder Glaubensmut und Glaubenskraft hatten, nach draußen zu gehen, ihren Bunker zu verlassen und sich einer ihnen nicht immer freundlich gesinnten Welt zu stellen und von der befreienden Botschaft Jesu-Gottes zu erzählen. Sie waren dabei so überzeugend, dass Menschen, die niemals Jesus gesehen oder gesprochen haben, selbst von seinen Taten und Wundern erzählten und eine Überzeugungskraft hatten, als wären sie dabei gewesen. Diese Überzeugungskraft zogen Sie aus ihrem Glauben, der nicht sah, aber selig machte, weil Sie die Kraft des Heiligen Geistes in sich spürten.

Im 1. Petrus-Brief heißt es: Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“

Diese überzeugende Kraft des österlichen Glauben wünsche ich uns allen.

Amen.

 

Samstag, 18. April 2009 01:55

18. April 2009

Predigt zum Sonntag Quasimodigeniti über Johannes 20, 19-29

Perikopenreihe: I