Martin Dubberke | Pfarrer

Man hört nur mit dem Herzen gut

Also noch einmal:

Du Menschenkind, alle meine Worte, die ich dir sage, die fasse mit dem Herzen und nimm sie zu Ohren!
Hesekiel 3,10

Das klingt doch irgendwie komisch. Ich soll alle Worte Gottes mit dem Herzen fassen und sie mir zu Ohren nehmen. Das ist doch eine komische Reihenfolge. Soll man nicht Worte hören und sie sich dann zu Herzen nehmen? Als ich mir gestern Abend den Vers angeschaut habe, hat mich das stutzig gemacht. Zuerst habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir den Originaltext anzuschauen. Aber dann hatte ich plötzlich ein Bild vor Augen und alles schien mir schlüssig.

Mein Hören ist von meinem Herzen bestimmt. Wie mein Herz, so mein Hören. Ist doch ganz einfach. Das Herz steht für die Einstellung, die ich in meinem Leben habe. Alles, was ich tue kommt von Herzen. Das Herz ist in der alttestamentlichen Weisheit der Sitz der Weisheit. Und somit steuert das Herz mein Handeln und damit auch mein Hören.

Wir kennen das sehr gut. Wenn ich zum Beispiel einer Sache gegenüber voreingenommen bin, werde ich nur das hören, was ich hören will, nämlich das, was mich in meiner vorgefassten Meinung bestätigt. Ich bin dem anderen gegenüber nicht mehr offen. Und dann kann es mir passieren, dass ich gar nicht mehr höre, was er mir Gutes will.

Ich kann auch sagen, wenn ich jemanden nicht mag, einen Nachbarn oder Kollegen, dann hat der keine Chance bei mir. Ich lasse den innerlich gar nicht zu Wort kommen. Da schalte ich doch auf Durchzug. Keiner kann mir sagen, dass er nicht schon solche Erfahrungen in seinem Leben gemacht hat.

Das kann aber auch heißen, dass man mir nicht zuhört, weil man mich nicht mag oder meine Botschaft nicht hören möchte. Meine Risikoanalyse. Ja, ja, die alten Propheten – wie auch Hesekiel einer war – waren ja Risikoanalysten. Die haben als Sprachrohr Gottes den Finger auf die Wunden gelegt, gewissermaßen Tacheles gesprochen.

Und wer mag das schon hören? – Und wir als Christen haben ja auch so eine Botschaft, die nicht jeder hören will. Wo viele zumachen, und uns mit den Kreuzzügen kommen.

Und wie sagt schon Gott zu Hesekiel:

„Aber das Haus Israel will dich nicht hören, denn sie wollen mich nicht hören; denn das ganze Haus Israel hat harte Stirnen und verstockte Herzen.“
Hesekiel 3, 7

Also, bitte entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie jetzt langweilen sollte, aber wenn Sie das hören, dann wissen Sie doch von ganz alleine, was Gott meint, wenn er zu Hesekiel sagt: Er solle die Worte Gottes mit dem Herzen fassen und sie sich dann zu Ohren nehmen.

Kommen Sie, ich weiß ganz genau, dass Sie es wissen. Kommt doch bei mir fast in jeder Andacht vor. Na! Das Doppelgebot der Liebe:

Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
3. Mose 19,18

Wenn ich das mit meinem Herzen gehört habe, dann kann ich auch vorurteilsfrei – naja, weitestgehend vorurteilsarm – hören, weil es nichts in mir gibt, was das Hören behindert.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Der Lehrtext stammt heute aus dem Lukas-Evangelium und lautet:

Jesus sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.
Lukas 11,28

Also, in diesem Sinne oder ganz einfach: Amen!