Martin Dubberke

Lieber Gott, lass uns nicht verzetteln

Kennen Sie das? Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und wollen arbeiten, aber es gelingt Ihnen nicht. Sie können noch so sehr auf den Monitor vor sich starren. Es will einfach kein anständiger Satz über die Finger und dann die Tastatur auf den Bildschirm kommen. Jeden Satz, den Sie beginnen, löschen Sie wieder. Sie können sich einfach nicht auf Ihre Arbeit konzentrieren. Es scheint, als gäbe es eine böse Macht, die Sie davon abhalten möchte. Und mit einem Male stellen Sie fest, dass es etwas in Ihrem Büro gibt, das die Ursache Ihrer Konzentrationsstörung ist: der Ablagestapel neben Ihrem Monitor.

Schon seit Wochen, wollen Sie diesen Stapel vom Tisch haben. Seit Wochen wehren Sie sich aber schon dagegen, weil es andere Aufgaben gibt, die wichtiger sind. Auch das, was heute auf Ihrem Schreibtisch vor Ihnen liegt ist wichtig, ja sogar wichtiger als alles andere, was Sie in dieser Woche zu tun haben. Und genau aus diesem Grund brauchen Sie Ihre volle und vor allem ungeteilte Aufmerksamkeit. Deshalb haben Sie Ihr Telefon ja schon vorausschauend in den Besprechungsmodus umgeschaltet.

Was tun Sie?

Genau! Sie ziehen den Ablagestapel zu sich herüber und fangen an, das ganze Ding abzuarbeiten. Mehr als der halbe Arbeitstag liegt in der Zwischenzeit hinter Ihnen, als Sie endlich mit der Ablage fertig sind, den Schreibtisch einmal abgewischt haben und dann erleichtert durchatmen: „Mensch, was habe ich da heute doch geschafft!“

Maßlos erleichtert, nehmen Sie sich nun die eigentliche Arbeit dieses Tages vor und es flutscht einfach.

Unser Arbeitstag besteht aus vielen Hindernissen. Und jetzt fragen sie sich vollkommen zu recht: Was hat das mit Gott zu tun?

Auf den ersten Blick nicht allzuviel. Aber auf den zweiten. Das kleine Beispiel, das ich Ihnen gerade erzählt habe, ist ja die Geschichte einer Störung, einer Unterbrechung des routinierten Tagesablaufs. Sie funktionieren plötzlich nicht, fallen aus der Selbstverständlichkeit heraus, weil es eine Blockade gibt, nämlich den Stapel vor Ihnen, eine Barriere, die Sie überwinden müssen.

Es gibt viele Momente in unserem Leben, die uns damit konfrontieren, dass nichts selbstverständlich ist. Das kann eine Krankheit sein, der Tod eines lieben Menschen, eine Trennung, eine Scheidung, ein Unfall, eine Katastrophe oder einfach nur ein runder Geburtstag.

Wir werden damit konfrontiert, dass das Leben endlich ist oder eine ganz andere Wendung nehmen kann und das Leben zuweilen eine Geschwindigkeit bekommt, die einen rhetorisch fragen lässt: Mensch, wo sind nur die letzten zwanzig Jahre geblieben? Die sind ja wie im Zug vergangen.

Sie kennen ja das berühmte Wort aus Psalm 90:

Unser Leben währet siebzig Jahre,

und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,

und was daran köstlich scheint,

ist doch nur vergebliche Mühe;

denn es fähret schnell dahin,

als flögen wir davon.“

Psalm 90, 10

Und dann kann es schon mal passieren, dass man sich die berühmte Sinnfrage stellt. Was mache ich eigentlich aus meinem Leben? Warum mache ich dieses und jenes? Das hält mich doch eigentlich alles von dem ab, was ich eigentlich tun möchte… Muss ich mir das eigentlich alles antun? Brenne ich nicht irgendwann aus, wenn ich nur funktioniere? Was bleibt von mir übrig?

Manchmal ist es eben kein Ablagestapel, den man zusammen- und aufgeschoben hat, der einen von der eigentlichen Arbeit abhält, sondern Dinge, die wir selbst aufgeschoben, weggeschoben, weggedrängt und verdrängt haben, die uns behindern.

So, und dann stehe ich morgens auf, mache mir einen Kaffee und werfe einen Blick in die morgendlich Losung. Und was lese ich da?

Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!
Psalm 90,17

Wieder Psalm 90. Tja, und das ist nicht das morgendliche, fröhliche Arbeitnehmer-Credo, sondern der Ausdruck und Wunsch, dass das, was man in diesem rasend schnellen irdischen Leben tut, einen Sinn und Wert hat, es nicht vergebens sei, weil das Leben so unheimlich wertvoll ist. Es ist die Bitte, dabei zu helfen, das wegzuräumen, was einen am erfüllten Leben hindert.

Es ist die dringende Bitte an Gott:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,

auf dass wir klug werden.“

Psalm 90,12

Oder, um noch einmal das Bild der Ablage zu bemühen: Lieber Gott, lass uns nicht verzetteln.