Martin Dubberke

Lebendige Hoffnung

Was ist eine lebendige Hoffnung? Ich frage Sie ganz offen und unbefangen: Was ist eine lebendige Hoffnung?

In seelsorgerischen Gesprächen mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen eine stille Hoffnung haben. Sie reden nämlich nicht über ihre Hoffnung, sondern hoffen, dass jemand kommt, der ihre Hoffnung erkennt und erfüllt. Solche stille Hoffnung ist eine romantische und auch sehr traurige, weil sie selten auf ein Happy End oder gar Happy Beginning hinauslaufen wird, ja kann.

Also, dann ist doch die lebendige Hoffnung die, die ich vorne auf meiner Zunge trage, die ich fröhlich, aktiv, in die Welt hinausrufe und auch hinaustrage, weil ich will, dass jeder weiß, was mich trägt.

OK, soweit, so gut. Wir kennen nun den Unterschied zwischen stiller und lebendiger Hoffnung – jedenfalls in der Weise, wie es der Herr Pfarrer Dubberke glaubt zu verstehen. Bleibt also noch zu klären: Was bedeutet Hoffnung?

Zu welcher lebendigen Hoffnung sind wir wiedergeboren worden? Da kommt ja dann gleich der nächste theologische Hammer. Ich stelle mir gerade vor, ich säße, ohne jetzt Schleichwerbung machen zu wollen, z.B. im Café Krönner oder – besser – ich gehe nach dem Gottesdienst noch auf den Georgimarkt, also genau da, wo ganz viele Menschen langgehen, oder sich hinsetzen, Kaffee trinken, das Flanieren der Menschen genießen und einfach nur das Leben schön finden. So, und nun stellen wir uns mal vor, ich würde den Menschen, die da vorbeigehen, folgende Frage stellen:

„Was sagen Sie eigentlich dazu, dass auch Sie durch die Auferstehung Jesu Christi zu einer lebendigen Hoffnung geworden sind?“

Ich weiß ja nicht so genau, wie mich die Menschen hier in Garmisch-Partenkirchen anschauen würden. In Berlin, wo ich herkomme, würden sie mich wahrscheinlich für einen weiteren der vielen Spinner in der Stadt halten. Vielleicht würde die eine oder der andere auch sagen, dass es keine Auferstehung geben kann, dass wer tot ist auch tot ist. Manch einer würde mir vielleicht etwas von seinen Hoffnungen erzählen, von seiner Hoffnung auf Frieden in der Welt, auf Liebe, naja, und all das andere, was wir Menschen so gerne hoffen. Vielleicht würde ich auch etwas über Hoffnungsträger hören.

Was hat der Autor des Ersten Petrusbriefes gleich noch einmal geschrieben?

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
1. Brief des Petrus, Kapitel 1, Vers 3

Wir sind also alle Hoffnungsträger?

Damit haben wir ja auch so unsere Erfahrungen gemacht. Aber klammern wir mal all diejenigen aus, die sich oder wir für politische Hoffnungsträger halten. Damit wird das Nachdenken darüber nicht unbedingt einfacher, weil es den Blick wieder mehr auf uns selbst lenkt.

Da muss ich wieder genauer hinschauen. Projiziere ich dann in jemanden die Hoffnung, dass sie oder er es für mich richten wird, dass es mit der neuen, mit der vierten Ehefrau endlich gut gehen wird? Oder erlebe ich mich als jemanden, dem die Hoffnung entgegengebracht wird, aus einer Krise herauszuführen, etwas zu bewältigen, wofür den Hoffnungsdelegierern die Kraft oder der Mut fehlt?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als in der Diakonie angefangen habe, welche Hoffnungen mir da entgegengeflogen sind, die irgendwann tonnenschwer auf meinen Schultern lagen. Mit anderen Worten: Hoffnung ist nicht immer leicht zu schultern. Und ich wette, dass Sie mir auch solche Geschichten erzählen können.

Ich trage eine Hoffnung in mir, die geradezu von Gewissheit geprägt ist. Ist es das, was „lebendige“ Hoffnung meint?

Aber schauen wir uns ruhig mal noch den Rest vom Predigttext an. Da gibt es noch mehr solche schwindelerregenden Begriffe und Formulierungen:

  • unvergängliches, unbeflecktes unverwelkliches Erbe
  • das Erbe wird im Himmel aufbewahrt
  • wir sind zum Glauben bewahrt durch Gottes Macht
  • aus Gottes Macht
  • traurig in mancherlei Anfechtungen, auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold.

Halt, innehalten! Genau das ist für ich die zentrale Stelle! Wie fest ist denn unser Glaube? Ich für meinen Teil kann sagen, dass mein Glaube mein größter Schatz ist, der mich über viele Anfechtungen hinweggetragen hat und von Anfechtung zu Anfechtung immer wunderbarer und wertvoller für mich geworden ist. Ohne meinen Glauben wäre ich nichts. Ohne meinen Glauben hätte ich weder meine Frau noch meine beiden Söhne, weil ohne meinen Glauben hätte ich meine Frau gar nicht kennengelernt. Ohne meinen Glauben wäre ich heute nicht hier, würde ich nicht mit Ihnen gemeinsam Gottesdienst feiern, nicht auf dieser Kanzel stehen und hier predigen.

Glaube in der Anfechtung ist der Moment, in dem lebendige Hoffnung spür- und erfahrbar wird. Das Ziel unseres Glaubens ist der Seelen Seligkeit. Ist das unsere irdische oder unsere himmlische Seligkeit? Ich glaube, dass es um beides geht. Die Seligkeit ist die Vollendung im Reich Gottes, sie ist aber zugleich ein tiefes Glücksgefühl, das wir auf Erden schon als Vorgeschmack kosten dürfen.

Glaube ist Hoffnung. Und so bin ich als Glaubender auch Hoffnungsträger. Ich trage die Hoffnung in mir.

Wir haben heute den Sonntag Quasimodogeniti. Da steht auch die Geschichte vom ungläubigen Thomas im Mittelpunkt. Die auf so wunderbare Art und Weise deutlich macht, wie ungeheuerlich, ja unfassbar eigentlich das ist, was unseren Glauben ausmacht. Wir glauben daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Und Thomas hat es uns ermöglicht, das zu glauben. Thomas macht uns sehr deutlich, wozu uns Glaube an Gott, an Jesus Christus, den Heiligen Geist herausfordert: Das zu glauben, was wir weder sehen noch anfassen können. Thomas hat die Wundmale Jesu mit seinen Händen berührt. Das hat Thomas stellvertretend für uns alle gemacht, damit kein Zweifel daran bestehen kann und mag, dass Jesus Christus auferstanden ist. Das, genau das ist in meinen Augen lebendige Hoffnung.

Thomas hat uns mit der Absurdität unseres Glaubens konfrontiert. Ich kann mich noch erinnern, als mich ein Mitschüler auf der Grundschule nach dem Religionsunterricht gefragt hat, ob ich denn diesen Quatsch glauben würde. Da antwortete ich, dass diese Geschichten so unwahrscheinlich seien, dass sie wahr sein müssen. Im Studium lernte ich dann später den schönen, Tertullian zugeschriebenen Satz kennen: „Credo quia absurdum est.“ – Ich glaube, weil es absurd ist. Und Tertullian wurde 150 nach Christus geboren. Da gab es dann niemanden mehr, der Jesus noch persönlich begegnet ist.

Dieser Glaube verändert uns. Dieser Glaube verändert auch die Welt, weil dieser Glaube mit lebendiger Hoffnung verbunden ist. Und genau das löst bei uns eine Energie aus, ein Werkzeug Gottes zu sein.

Quasimodogeniti – wir sind wie die neugeborenen Kinder. Wer kann sich noch an den Moment erinnern, als er zum ersten Mal den Glauben in sich gespürt hat? War das nicht so ein Moment, wo plötzlich alles neu wurde? Fühlten Sie sich in diesem Moment nicht wie neugeboren?

Wer hat mir so überzeugend und glaubwürdig vom Glauben erzählt, dass ich angefangen habe zu glauben? Ja, gar keine andere Chance mehr gehabt habe, als zu glauben? Können Sie sich noch an diesen Moment erinnern? Was ist dann mit Ihnen und ihrer Umgebung geschehen? Wie haben die Menschen um Sie herum darauf reagiert?

Ich habe hier ein Taufkleid mitgebracht. Das ist weiß. Das symbolisiert die Unschuld, das Unbefleckte, das Neugeborene. Und in diesem Fall ist es tatsächlich das Taufkleid eines Kleinkindes. Aber dazu später mehr.

Zur Zeit des Autors des Ersten Petrusbriefes war es noch anders als heute. Da hat man keine Kinder getauft. Man ließ sich als Erwachsener taufen als Ausdruck und Bekenntnis seines Glaubens, seiner gelebten Hoffnung, um dann in der Taufe, dem Untertauchen im Wasser, dem alten Leben zu sterben, es heiter hinter sich zu lassen. Nach Luft ringend wiederaufzutauchen und das neue Leben zu spüren, die Lungen mit der Luft des neuen Geistes zu füllen und als Zeichen des neuen, ewiglichen Lebens das weiße Gewand zu tragen.

Man hat sich damit als Christ oder Christin gezeigt und zu erkennen gegeben. So hat man nach außen hin deutlich gemacht, dass man zu einer Gemeinschaft gehört. Es machte einen aber auch zugleich zu einem Fremden. Dieser Glaube war den Menschen, mit denen man in einer Stadt, einem Dorf wohnte fremd, weil die anders oder an andere Götter glaubten. Das ist ein wenig so wie heute in Brandenburg, wo ich arbeite. Da sind nur 20% der Menschen Mitglied einer Kirche. 80% der Menschen sind zum Teil schon seit Generationen – seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts – nicht mehr in der Kirche. Ihnen ist vollkommen fremd, was ich glaube und so begegnen sie einem auch, wenn man von seinem Glauben erzählt.

Der Autor des Ersten Petrusbriefes schreibt seine Worte in einer Zeit, in der es viel Mut brauchte, seinen Glauben, unseren Glauben zu bekennen. Es konnte für die Betreffenden lebensgefährlich werden, so wie es heute noch in einigen Regionen unserer Erde der Fall ist. Die Geschehnisse vor einer Woche in Sri Lanka rütteln uns hier auf.

Der Blick in die Entstehungszeit des Briefes ist – glaube ich – ganz hilfreich. In der Zwischenzeit wissen wir, dass der Autor nicht wirklich Petrus gewesen ist. Aber wir können vermuten, warum sich der Autor für Petrus als Pseudonym entschieden hat. Er schrieb an eine gefährdete Gemeinde, der der Mut zum Glauben verlorenzugehen drohte. Was Petrus schreibt, war also ein Mutmachbrief, ein Motivationsschreiben. Petrus möchte die Menschen, die an Jesus Christus glauben, im Glauben halten.

Wer unter dem Pseudonym des Petrus schreibt, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man aus Angst um sein Leben und der Angst vor Folterschmerzen seine Zugehörigkeit zu Jesus leugnet. Damit macht der Autor deutlich, dass hier auch ein Umfaller spricht, der sich seines Auftrags, dem er sich nicht entziehen konnte, bewusst war. Er konnte sich in die Seele der Gemeinde, die Zwiespalte der Seelen hineinversetzen, den Schmerz geradezu fühlen.

Petrus ist aber auch der Mann, den Jesus gefragt hat, ob er ihn liebhat. Jesus hat Petrus trotz und durch alle Zweifel hindurch getragen und genau diese Erfahrung macht Petrus zu einem besonderen Zeugen des Glaubens. Im Namen dieses Petrus schreibt der Autor nun an diese angefochtene Gemeinde.

Taufkleid von Dietrich Bonhoeffer | © Martin Dubberke

Nebenbei gesagt: Das Taufkleid, das ich Ihnen mitgebracht habe, ist nicht meines, sondern das von Dietrich Bonhoeffer, der Weihnachten 1944 mit seinen Worten schrieb, was uns der Autor des Petrusbriefes nahezubringen versucht, nämlich das, was lebendige Hoffnung heißt. Nebenbei gesagt: Dietrich Bonhoeffer hielt am Sonntag Quasimodogeniti vor 74 Jahren auf Bitten seiner Mitgefangenen im Schulhaus von Schönberg im Bayerischen Wald, wo Sie eingesperrt waren, seinen letzten Gottesdienst. Kurz darauf wurde er von zwei Polizisten mitgenommen, um einen Tag später in Flossenbürg ermordet zu werden. Dieser Dietrich Bonhoeffer schrieb zur Jahreswende 1944/45 folgende Zeilen als Ausdruck seiner lebendige Hoffnung:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen.

In diesem Schulhaus in Schönberg im Bayerischen Wald hat Dietrich Bonhoeffer am Sonntag Quasimodogeniti, am 8. April 1945 seinen letzten Gottesdienst gehalten. | © Martin Dubberke

Predigt über 1. Petrus 1, 3-9 (Perikopenreihe I) am Sonntag Quasimodogeniti am 28 April 2019 in der Christuskirche in Garmisch und der Johanneskirche in Partenkirchen.