Martin Dubberke | Pfarrer

Kein Blatt passt dazwischen

Wie echt bin ich? Ist das, was ich spreche, nur schön formulierte Rede, die ich so daher sage, um Eindruck bei Ihnen zu machen und vielleicht auch noch ein andächtiges Nicken auszulösen? Oder ist meine Rede echt?

Wir lassen uns gerne von schönen Worten und Bildern beeindrucken. Da ist die Fernsehreklame. Ich denke da nur an eine bestimmte Biersorte, die mich vital machen soll, wenn ich sie trinke. Oder diese kleine weiße Kugel mit den Kokossplittern – garantiert ohne Schokolade. Schaltete Ihr Leben je auf Zeitlupe, wenn Sie diese kleinen Kügelchen gegessen haben?Oder denken wir nur an politische Wahlversprechen. Keiner glaubt sie und am Ende wählt er doch denjenigen, der die schönsten Versprechen macht, weil einem der eigene Bauch einem das Gefühl gibt, dass dieser Politiker authentisch ist.

Ich kenne auch Prediger, die brillante Prediger, ja geradezu Menschenversteher sind, die aber – wenn man sie näher kennenlernt, nicht wieder zu erkennen sind.

Und genau das ist die größte Herausforderung, die es für einen Christenmenschen gibt. Er ist ein Sünder, denn niemand kann wirklich perfekt sein. Jeder Mensch hat seine Schwachstellen, die ihm im Wege stehen. Denken wir nur an General Petraeus, der über einen Seitensprung gestolpert ist.

Also, wenn ich über Gott spreche, dann muss ich mir immer eingedenk sein, dass ich nicht perfekt bin. Ich kann nicht so reden, als wäre ich der perfekte Christ. Dann wäre ich ja Jesus. Nein, ich bin fehlbar wie jeder andere Mensch auch. Ich kann in Versuchung gebracht werden wie jeder andere Mensch auch. Denn ich habe ja auch Sehnsüchte wie jeder andere Mensch auch. Und manche Sehnsucht, also das, wonach all mein Sehnen sucht, weil ich es nicht habe, und Sehnsucht kann echte Schmerzen verursachen – denken Sie nur an Liebeskummer – macht mich empfänglich für den Versucher.

Ja, ich höre Sie jetzt schon wieder sagen: Ich sehe mir keine Werbung an. Aber seien Sie ehrlich, wenn Sie etwas brauchen, gehen Sie plötzlich ins Internet oder sammeln die Beilagen der großen Elektromärkte. Dann sind sie empfänglich für schöne Bilder und schöne Verkaufstexte. Und schon lassen Sie sich in Ihrer Entscheidung beeinflussen.

Jeder ist empfänglich für die Versuchung. Jeder. Auch Jesus wurde versucht. Sie erinnern sich an die Geschichte, als der Teufel Jesus alle Macht anbot und er dem widerstand.

Lange Rede, kurzer Sinn. Unser Reden sei so, dass wir um unsere eigene Fehlbarkeit wissen, die ja auch unsere Stärke, weil besondere Sensibilität sein kann.

Denken Sie nur mal an den berühmten Buschfunk oder Teeküchen-Gespräche am Arbeitsplatz. Wie oft wird da mal über jemanden gelästert, Meinung gemacht. Man regt sich über bestimmte Eigenschaften eines Kollegen oder einer Kollegin auf und denkt dabei nicht daran, dass man selbst auch genug Eigenschaften hat, die zum Lästern einladen könnten.

Also, will ich meine Glaubwürdigkeit behalten, darf zwischen meinem Handeln und Reden kein Blatt Papier dazwischen passen und erst recht nicht wenn es um das Thema Gottesdienst geht.

«Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.» (Psalm 35,28)

Wenn ich über Gottes Gerechtigkeit rede, weiß ich, dass er mich in meiner Unvollkommenheit angenommen hat. Und weil dem so ist, kann ich jeden andern – auch wenn es manchmal schwer fällt – auch annehmen und mit ihm und Gottes Hilfe von Tag zu Tag besser werden.

Amen.


Losung & Lehrtext

«Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.» (Psalm 35,28)
 
«Wenn jemand meint, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern betrügt sein Herz, so ist sein Gottesdienst nichtig.» (Jakobus 1,26)