Martin Dubberke | Pfarrer

Ich bin gewiss

Woran merke, woran spüre ich, dass mich jemand liebt? Vorsicht ich habe nicht gefragt, woran spüre ich, dass ich liebe.

Also, woran spüre ich, dass mich jemand liebt? – Naja, zuerst einmal daran, dass er besonders lieb zu mir ist, freundlich, fürsorglich, in meiner Nähe ist, ich mich nicht alleingelassen fühle. Was spüren Sie noch? Geborgenheit? Das Gefühl, sicher und irgendwie auch stark zu sein? Was löst das in ihrem Rücken aus? – Ja, sie gehen aufrecht und drücken das Kreuz durch. Da ist so eine Kraft, so eine Power in Ihnen. Es geht uns gut, wenn wir spüren, dass wir geliebt werden. Das Leben läuft runder, wenn wir wissen, dass jemand hinter uns steht, auf den wir uns verlassen können, dessen Liebe mich im Ernstfall trägt.

Da ist jemand, zu dem ich immer hingehen kann, wie zu einer Mutter, einem Vater oder guten Freund.

Erinnern Sie sich noch an das Kinder-Mut-mach-Lied?

Wenn einer sagt, ich mag dich du, ich find dich ehrlich gut, 

Dann krieg ich eine Gänsehaut und auch ein bisschen Mut. 

Das macht die Liebe Gottes mit mir, mit Ihnen, mit uns.  Was aber, wenn ich sie nicht spüre?

Die Liebe zwischen Menschen ist da fassbar einfach. Die spüre ich, wenn mich der andere umarmt, mit mir redet. Ich kann sie am Klang der Stimme, seiner Melodie hören. Wärme umfängt und hüllt mich ein.

Doch dann gibt es Erfahrungen, die jemanden dahin bringen, zu sagen, dass er nicht an Gott glaubt, an keinen Gott glauben kann.

Ich denke da an den New Yorker Feuerwehrmann, den ich vor ein paar Tagen in einer Doku über den 11. September gesehen habe. Er war unter den Trümmern der Zwillingstürme verschüttet und als er gerettet wurde, sagte jemand zu ihm, dass er ein Gesegneter sei. Der Feuermann fand das auch und widersprach so gleich an Gott zu glauben, weil , würde es ihn geben, die 3000 anderen Menschen nicht gestorben wären.

Ich denke an meinen dreiundachtzigjährigen Vater, der mir immer wieder die Geschichte erzählt hat, wie er nach einem Bombenangriff aus dem Keller kam, über dem das Haus von Bomben vernichtet worden war. Zwei Dinge tat er damals. Er bat seine Mutter um seine erste Zigarette und entschied, dass es keinen Gott gibt. Seine Begründung: Gäbe es einen Gott, hätte er diesen Krieg nicht zugelassen.

So, und dann lese ich den Lehrtext für heute:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.  

Römer 8, 38-39 

So, das sind nun die Fakten. Paulus auf der einen Seite und Mein Vater und der New Yorker Feuerwehrmann auf der anderen Seite. Ich habe – und dafür bin ich Gott dankbar – nie so schreckliche Dinge erleben müssen, wie  diese beiden.

Keine weltliche Macht und kein weltlicher Teufel hat mich je an die Grenze meines Glaubens gebracht. (Selbst meine eigene Kirche nicht.) Ich bin aber auch nie vor einer so extremen Situation, vor die Frage oder Entscheidung gestellt worden.

Also, wie ist es nun? Paulus sagt, er sei „gewiss“, das klingt fast wie ein Politiker in einer Pressekonferenz oder im Wahlkampf.  Bei Paulus war das „gewiss“ aber kein Ausdruck des Zweifels oder  einer Glaubensshow, sondern  Ausdruck seines Glaubens, seiner Glaubensgewissheit.

Er glaubte fest daran, dass es nichts gibt, was den Menschen von der Liebe Gottes trennen könnte.

Auf der anderen Seite zwei Menschen, die extreme Katastrophen erlebt haben, die sie von Gott getrennt haben und mein Vater soll als Kind extrem fromm gewesen sein.

Was tun, wenn ich die Liebe Gottes nicht spüre, nicht mehr spüren kann, wenn mein Verstand stärker ist als alle meine Gefühle, wenn meine Enttäuschung größer ist als alles andere?

Was nützt es, dann, wenn ich sage, dass Gott uns die Freiheit, die absolute Freiheit gegeben hat, als er zu Adam sagte: Mache Dir die Welt untertan…

Was nützt es dann, wenn ich sage, dass es soweit kommen muss, wenn man die von Gott gegebene Freiheit  missbraucht und sich soweit von Gott entfernt, dass, dass man den Rest der Welt auch in einen Strudel reißt, so dass man die Liebe Gottes nicht mehr erkennen kann?

Es gibt so vieles, das einen scheinbar von der Liebe Gottes scheiden kann, das sich dazwischen stellt.

Ich gebe es offen und ehrlich zu, dass der Lehrtext mehr Fragen als Antworten in mir auslöst. Ich denke und bin auch der festen Überzeugung, dass der Zweifel  ein wichtiger Bestandteil des Glaubens ist. In jeder Beziehung spielt der Zweifel eine Rolle, weil der Glaube mit Hoffnung verbunden ist. Und unser Glaube immer auch mit einer Enttäuschung verbunden ist, mit enttäuschten Erwartungen. Die Bibel und insbesondere die Psalmen sind voll von Momenten, in denen der Glaubende am Boden liegt, weint und vor Verzweiflung schreit. Denken wir nur an Hiob.

Es geht nicht um die Frage, was ich von Gott erwarte, sondern um die Frage, was Gott von mir erwartet. Und die Antwort auf diese Frage reißt alles ein, was sich zwischen mich und Gottes Liebe gestellt hat.

Und so bin ich gewiss, dass mich nichts von der Liebe Gottes scheiden kann.