Martin Dubberke | Pfarrer

Herr, lehre mich

Irgendwie befinden wir uns in dieser Woche in einer Art Niemandsland. Die Woche zwischen dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Totensonntag, und dem 1. Advent, mit dem das neue Kirchenjahr beginnt, ist weder Fisch noch Fleisch.

Auch wenn am Montag nach dem Totensonntag überall ganz offiziell die Weihnachtsmärkte starten und die Straßenbeleuchtung angeschaltet wird, sind wir noch nicht im neuen Jahr angekommen. In meinem inneren Ohr klingt eine Zeile von Jochen Klepper:

Noch manche Nacht wird fallen,
auf Menschenleid und -schuld.

Es gibt kaum ein Adventslied, das mich so berührt wie dieses. Jochen Klepper hat dieses Lied am 18. Dezember 1937 geschrieben. Kurz davor notiert er in seinem Tagebuch:

„Es geschieht Hannis wegen. Ich glaube nicht an Aktionen. Gott will im Dunkel wohnen, und das Dunkel kann nur durchstoßen werden durchs Gebet.“

Klepper schrieb diese Zeilen angesichts diskriminierender Behinderungen seiner Publikationen durch die Reichsschriftumkammer, weil er, der evangelische Theologie studiert hatte, mit einer Jüdin verheiratet war. Er wird 1940 als Soldat eingezogen und im November 1941 aus der Armee als wehrunfähig entlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Als 1942 die rettende Ausreise der Tochter ins Ausland scheitert, nehmen er, seine Frau und seine Tochter sich in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember 1942 in ihrer Wohnung das Leben.  Das war gar nicht so weit von hier entfernt in der Teutonenstraße in Nikolassee.

Ist doch komisch, auf was für Gedanken man so in dieser Zwischenzeit kommt.

Ich habe noch ein Stück Musik dabei, das ich Ihnen zur Abwechslung mal kurz vorspielen möchte:

HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Psalm 39,5 aus „Ein Deutsches Requiem“
von Johannes Brahms,
Satz III Herr, lehre mich doch (bis Takt 92).

Sie ahnen es, dass ich Ihnen diesen Live-Mittschnitt aus der Philharmonie vom 6. Mai dieses Jahres nicht mitgebracht habe, weil ich da mitsinge, sondern, weil es um den Text geht.

Brahms hat hier nämlich die Losung aus Psalm 39 für den heutigen Tag vertont. Und ich finde es faszinierend, wie selbstbewusst, fast fordernd er diesen Vers dem Sänger in die Kehle geschrieben hat und wie geradezu zärtlich wir im Chor dahingegen diese Zeilen singen. Der Sänger klingt weder klagend, noch verzweifelt. Er steht in der Blüte seiner Kraft, mitten in seinem Leben, den Tod noch gar nicht im Blick.

Johannes Brahms war, als er das Requiem beendet hatte, 35 Jahre alt. Nebenbei gesagt, genauso alt wie Jochen Klepper, als sein Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ erschien.

Ein Alter, in dem man eigentlich nicht den Tod im Blick hat. Zumindest nicht den eigenen. Man lebt ganz einfach. Man lebt vielleicht sogar in einer gewissen Weise verschwenderisch mit seinem Leben. Es ist ja einfach. Ich wache morgens auf, gehe meinen Tageslauf und alles hat so seine Selbstverständlichkeit. Das ändert sich erst, wenn einem das Leben nach einem Unfall, einer Krankheit oder einer lebensgefährlichen Komplikation bei einem einfachen Routineeingriff, neu geschenkt wird.

Vorher weiß man zwar, dass man irgendwann mal sterben wird, aber das ist noch lange hin. Und das ist die nächste Auffälligkeit bei der Losung:

HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss

„Ein Ende haben muss“ – nicht „haben wird“ – ein kleiner Unterschied. Der Beter möchte lernen, dass das Leben ein Ende haben muss. Mit dem „muss“ ist eine Änderung des Bewusstseins verbunden, mit der sich auch die Einstellung zum Leben verändert.

Und der Beter beschreibt auch, was es bedeutet, wenn man nicht weiß, dass das Leben ein Ende haben muss, und das Leben kein Ziel hat. Und das klingt dann so:

Ach, wie gar nichts sind alle Menschen,
die doch so sicher leben!
Sie gehen daher wie ein Schatten
und machen sich viel vergebliche Unruhe;
sie sammeln und wissen nicht,
wer es kriegen wird.

Ist das Leben? Ich meine Leben, das eine Chance auf Erfüllung hat? – Nein. Das ist ein Leben im täglichen Einerlei der Routine. Das ist ein Leben des Raffens und nicht Genug Kriegens. Ein Leben des Habens um das Haben willen. Die ganze Unruhe, die damit verbunden ist, ist vergeblich.

Der Beter des Psalms 39 lebt auch so, auch wenn ihm klar ist, dass seine Lebensspanne eine Handbreit bei Gott ist und sein Leben wie ein nichts vor Gott ist. Er weiß es, aber er lebt es noch nicht, weil er es noch nicht gelernt hat.

Und hier wird es bei Brahms spannend. Die Musik predigt nämlich. Der Solist und der Chor wiederholen ja den Vers und in der Wiederholung klingt es schon ganz anders. Da klingt dann plötzlich so etwas wie Verzweiflung durch. Das heißt, es klingt ein Leiden am Unwissen durch. Dem Beter ist bewusst, dass, wenn er so weiterlebt, er aus seinem Schattenleben nicht rauskommen wird.

HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Das Ziel lässt den Sinn erkennen, der mit meinem Leben verbunden ist. Das Wissen um das Ziel, lässt mich mit meinem Leben anders umgehen. Ich gewichte anders. Dinge, die einmal Bedeutung hatten, wie eben das Sammeln, von dem man nicht weiß, wer einmal das Gesammelte bekommt.

Das Wissen um das Ziel lässt mich meine Kräfte anders einteilen. Das wissen um eine im Verhältnis zur Ewigkeit kleine Spanne meines Lebens, von der ich nicht einmal weiß, wann sie endet, weil das nur Gott weiß, lässt mich erkennen, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Und im besten Falle gelingt es mir, Gelassenheit zu entwickeln, die Ruhe in mein Leben bringt.

Und dann gibt es da noch etwas. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon aufgefallen ist, obwohl es ja so unwahrscheinlich nahe liegt, dass man es fast übersehen könnte. Aber der Beter weiß, dass es nur einen einzigen gibt, der ihn all das lehren kann: Gott, der Herr. Nur er kann allein kann es. Und so ist dieser Vers zugleich auch ein Bekenntnis, denn der Beter glaubt, ja weiß, dass er den Sinn seines Lebens nur mit Gott finden kann.

Und damit bin ich wieder ganz bei uns angekommen. Wir befinden uns nicht nur in einer Art Niemandsland zwischen dem Totensonntag und dem Ersten Advent, sondern schon mitten in der Fastenzeit, einer Zeit, in der wir uns selbst existenziell erfahren können, in der wir zum Beispiel nach dem Ziel unseres Lebens fragen können und damit nach dem Sinn, den unser Leben durch die Geburt Jesu Christi haben könnte.

In diesem Sinne: Amen.

Wochenandacht im Landesausschuss für Innere Mission am 29. November 2018 über die Losung Psalm 39, 5