Martin Dubberke | Pfarrer

Etwas Heiteres – Gedanken zu Losung und Lehrtext vom 11. Juli

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!

Jesaja 29,16

Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen.

Jakobus 4,10

Da sitze ich am Sonntagabend an meinem Schreibtisch, lese Losung und Lehrtext für heute und stöhne. Warum nur bekomme ich gerade immer so schwere Kost ab? Ich hätte gerne etwas Heiteres.

Ich würde gerne über Sonne und die Schönheit der Schöpfung Gottes sinnieren. Aber nein, ich bekomme es mit Ermahnungen zu tun. Alles Verse, die deutlich machen, dass da was aus dem Ruder gelaufen ist. Die Menschen geben Gott nicht mehr das, was Gott zusteht. Ja, es geht sogar so weit, dass sich das Geschöpf von seinem Schöpfer emanzipiert und beginnt, sich selbst für den Schöpfer zu halten. Das erinnert mich alles ein wenig an Prof. Frankenstein, dem die Kontrolle über das von ihm geschaffene Wesen – auch Frankensteins Monster genannt – entgleitet und gefährliche eigene Wege geht.

Gott, sind wir nun alle kleine oder größere Monster, die keine Ehrfurcht mehr vor dem anderen haben?

Es wäre so leicht, sich heute Morgen dem Kulturpessimismus hinzugeben und zu stöhnen: Ach, die Welt ist so schlecht und gottvergessen…Nee, darauf habe ich einfach keine Lust. Das Gejammer höre ich doch unentwegt. Das macht mir einfach keinen Spaß mehr. Soll ich ständig mit einen Schild in der Hand durch die Gegend laufen auf dem steht: Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen. Nein, das ist so gar nicht meine Art. Ich kannte da mal jemanden in Berlin. Den Herrn Salzmann. Der lief – so lange ich denken kann – in Berlin mit einem Schild durch die Stadt, auf dem Bibelverse standen. Der ging durch die Stadt und ging auf Menschen zu, kam mit ihnen ins Gespräch über Gott. Er hatte einen Blick dafür, wen er ansprechen konnte. Ich weiß noch, wie wir beide das erste Mal miteinander ins Gespräch kamen. Das war in der S-Bahn. Mittlerweile hatte er das große Schild gegen einen Koffer eingetauscht, auf dem nun ein Bibelvers stand. So stellte er sich dann immer im Gang vor einem Abteil auf, drehte den Koffer so, dass jeder den Vers lesen konnte und er beobachtete genau die Menschen und dann kam es vor, dass er sich zu jemandem setzte. Manchmal ging er auch weiter. Und so setzte er sich einmal zu mir und ich antwortete mit einem Lächeln – wie ich es immer in solchen Fällen tue – “Ich glaube schon.” Er lachte und antwortete: “Na, das hieße ja dann bei Ihnen Eulen nach Athen zu tragen!” Seitdem haben wir uns fast jedes Mal kurz unterhalten, wenn wir uns irgendwo in einer S- oder U-Bahn begegneten. Bevor ich das erste Mal mit ihm ins Gespräch kam, hielt ich ihn immer für einen dieser frommen Eiferer, aber nachdem wir einander kennengelernt hatten, bewunderte ich ihn für seine fröhliche und leichte Art des Glaubens und sein Durchhaltevermögen. Er war damals kurz vor achtzig. Dieser Tage ging mir in der S-Bahn plötzlich auf, dass wir uns schon eine ganze Weile nicht mehr begegnet sind. Ich fürchte er wird gestorben sein, der Mann, der einfach alles in seinem Leben ausprobiert hatte: Atheist war, Anarchist, Drogentester, Buddhist und schließlich seinen Weg zu Gott gefunden hat. Wenn er wirklich gestorben ist, ist Berlin nicht nur um ein Original ärmer, sondern auch um einen fröhlichen Christen.

Also, warum erzähle ich das? Weil Demut den meisten Menschen in unserem Lande ein Fremdwort geworden ist? Ich denke schon. Und wenn, dann wird es in seine negativen Bedeutung genutzt: jemanden zu demütigen, ihn klein zu machen, sein Rückgrat zu brechen, seine Willen zu brechen, seine Seele zu schinden, ihn auf übelste Weise fertig zu machen. Unsere Gesellschaft kann mit dem Wort “Demut” nicht mehr viel anfangen.Wann haben Sie denn das letzte Mal so einen Satz gehört wie “In Demut verharren.”Demut ist ein althochdeutsches Wort diomuoti und heißt nichts anderes als “dienstwillig” sein. Das Wort beschreibt die Gesinnung eines Dienenden. Und damit beschreibt Demut unser Verhältnis zu Gott. Wir dienen Gott. Er ist unser Auftraggeber. Und er hat uns einen ganz einfachen Auftrag gegeben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Demütig sein beschreibt damit nichts anderes, als die Annahme und Ausführung dieses Auftrags. Und es wird noch etwas anderes deutlich: Wer demütig ist, kann kein Herr sein, egal, ob er nun Präsident, Kanzlerin, Unternehmenschef, Abteilungsleiter, Bischof, Papst oder Pfarrer ist. Wer demütig ist, der dient Gott in und mit dem jeweiligen Amt, das er innehat.Denn, und das macht nun die Losung aus Jesaja deutlich: Wir alle sind von Gott geschaffen. Wir sind seine Geschöpfe. Und jeder kann an seiner Stelle als Geschöpf Gottes wirken.Wenn nun den Menschen dank unserer bescheidenen Hilfe deutlich würde, dass es so ist und nicht umgekehrt, würde Friede auf Erden einziehen. Aber ich mache mir da – ehrlicherweise – nichts vor.

Das werden wir in unserem Leben nicht schaffen und das haben die Christen in den zweitausend Jahren ihrer Existenz nicht geschafft. Und ich glaube auch, dass es kaum eine Zeit gab, in der die Menschen weiter von Gott entfernt waren als heute, auch wenn es bei den Propheten zuweilen ziemlich ähnlich klingt. Die Kriege, Nöte, Ungerechtigkeiten rühren in ihrem Kern daher. Auch das konnten wir schon von den Propheten lernen. Und ich bin mir als realistischer Christ auch dessen bewusst, dass ich die Welt nicht retten kann. Das ist auch den biblischen Propheten nicht wirklich gelungen. Und das ist als Christ auch gar nicht mein Job. Ich würde mir hier etwas anmaßen, das mit nicht zusteht. Ich bin nicht der Messias. Aber ich bin ein Werkzeug, so wie jeder von uns.

Jetzt stellen Sie sich mal vor, dass es jedem von uns gelingt, im Laufe seines Lebens durch seine offen gelebte christliche Lebensweise in einem anderen Menschen den Wunsch oder auch die Erkenntnis auszulösen, als Christ leben zu wollen. Und sei es nur ein einziger. Und stellen Sie sich vor, dem gelingt es auch. Jeder, den wir mit auf die Reise nehmen, ist einer weniger, der sich in Jesajas Sinne für einen kleinen Schöpfer halten könnte. Und so naiv es klingen mag, aber das ist unser Auftrag und Ziel. Die Ewigkeit ist erreicht, wenn dieses Ziel erreicht ist. Und was heißt naiv? Kindlich! Und spätestens hier müssten alle Glocken klingen:

Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich. (Mt 19,14) Das ist ein echter Mutmacher! Es geht um den kindlichen, einfachen, unverfälschten Glauben, der nicht verklausuliert um drei theologische Ecken einherkommt. Und das kann jeder von uns, der an den lieben Gott glaubt und seinen Glauben lebt ohne daraus ein Geheimnis zu machen.Alle anderen Menschen machen nämlich auch kein Geheimnis daraus, was sie ihrem Leben treibt. Sei es eine politische Richtung oder was auch immer. Nur wir Christen haben hier so eine seltsame Bescheidenheit.

Und dieser Glaube ist eine echte Alternative für alle, die nach Orientierung suchen und glauben, sie in irgendwelchen wie auch immer gearteten Führern zu finden.Also, Schluss und Aus, falls jemand seinen Glauben noch als Privatsache verstehen sollte. Demütig sein, heißt in diesem Falle, sich offen und damit öffentlich zu seinem Herrn, also zu Gott zu bekennen.Und wenn ich ehrlich sein soll, finde ich jetzt, dass Losung und Lehrtext heute doch keine so schwere Kost sind.Amen.