Martin Dubberke | Pfarrer

Einfach Glaube wagen

Eines der schönsten Weihnachtslieder ist „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. In der zweiten Strophe des Liedes singen wir „Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt…“ Der Predigttext für die Christnacht ist gewissermaßen die Vorlage für das Lied. Er steht beim Propheten Jesaja im 7. Kapitel, die Verse 10 bis 14:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!

Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Liebe Gemeinde,

ich muss jetzt erst einmal tief durchatmen. Dieser Predigttext hat es wirklich in sich. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen beim Hören dieser Verse des Propheten Jesaja ergangen ist. Vielleicht hat ja der eine oder die andere die Sache mit König Ahas überhört, weil der Name nicht so bekannt ist und dann kommt ja auch schon ganz schnell, die Ankündigung der Geburt des Immanuel und das ist dann wieder halbwegs vertrautes Terrain.

Natürlich könnte ich es mir jetzt leicht machen und eine schöne, romantische, gefühlige Christnacht-Predigt halten, aber dann würde ich mich vor der zentralen Botschaft drücken, die Jesaja hier nicht nur für den König Ahas, sondern auch für uns alle hat. Wenn ich das nicht täte, würde ich vieles von der Sprengkraft nehmen, die mit der Geburt Jesu verbunden ist.

Sie werden gleich merken, warum ich so tief durchgeatmet habe und warum ich hier so ein kräftiges Wort wie „Sprengkraft“ in den Mund genommen habe.

Ahas war König über Juda. Er war ein sehr junger König. Die geschichtliche Situation, in der wir uns hier befinden, liegt um 733 vor Christus. Das Assyrische Reich bedrohte Israel und Syrien. Assyrien war damals eine Weltmacht, vergleichbar den USA, Russland oder China. Die historische Situation kann durchaus als eine Bedrohung des Weltfriedens bezeichnet werden. Das dürfte uns heute Nacht nicht so ganz fremd vorkommen. Israel und Syrien schmiedeten damals eine Koalition, eine Allianz gegen das Assyrische Reich und versuchten hier auch König Ahas für diese Koalition zu gewinnen, weil viele kleine Länder auch eine Großmacht ergeben können. Ich sage können. Ein Schelm, der jetzt an die EU denkt.

König Ahas liebäugelte aber mit einer ganz anderen Koalition. Er plante eine Allianz mit Assyrien gegen den Rest der damaligen Welt.

Und genau an dieser Stelle kommt Jesaja ins Spiel. Der Prophet, der nicht nur das Sprachrohr Gottes ist, nimmt hier durchaus auch die Funktion eines politischen Analysten ein. Er warnt den noch jungen König und erinnert ihn an die Grundfesten seines Landes, seiner Gesellschaft, in welche Zusammenhänge sein Land eingebunden ist und was es für die Verfassung seines Reiches bedeutet, wenn er die Grundmauern dieser Verfassung verlässt, wenn er gewissermaßen die Koalition mit Gott aufkündigt.

Jesaja erinnert Ahas an die zentrale Botschaft und damit Verantwortung, die Gott uns in die Hand gegeben hat.

Der Prophet drängt den König dazu, ein Zeichen von Gott zu fordern. Dabei lässt er ihm die Wahl, welcher Gestalt das Zeichen sein soll. Aber der König sieht keine Notwendigkeit darin und antwortet Jesaja:

„Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.“

Das könnte man auch als reinste Politikersprache bezeichnen. Wir tun mal so, als würden wir korrekt handeln und verkaufen das als große politische Weisheit nach draußen. Das Volk wird es schon nicht merken.

Aber in Wirklichkeit mangelt es Ahas ohne jeden Zweifel am Mut zum Wagnis des Glaubens. Das ist auch heute in unserer Zeit ein großes Thema. Mut zum Glauben. Viele – auch Politiker – sagen, dass der Glaube in ihrem Leben eine große Rolle spielen würde. Er spielt aber nur dann in ihrem Leben eine Rolle, wenn er auch in ihrer Politik zu spüren ist, denn ich kann meinen Glauben und mein Handeln nicht voneinander trennen.

Und damit komme ich schon zum nächsten Punkt in der Geschichte, der uns allzu vertraut vorkommen könnte.

Nachdem Ahas sich geweigert hat, ein Zeichen Gottes einzufordern, bekommt er von Jesaja eine richtig fette verbale Breitseite:

Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?

Damit gibt er dem König sehr deutlich zu verstehen, dass dieser seine Geduld ausreichend strapaziert hätte. Er ist der faulen Ausreden des Königs müde. – Kommt uns doch auch irgendwie bekannt vor, wenn wir die Zeitung lesen, die Nachrichten sehen und hören, mit welcher Entschlossenheit unsere von uns gewählten Politiker in diesem unseren Lande die Verantwortung für unser Land nicht übernehmen.

Natürlich ließen sich hier tausend andere Beispiele aufzählen, aber dieses liegt einfach so schrecklich nahe.

Ahas Politik der Unentschlossenheit, hat den Mut der Bevölkerung Jerusalems einer harten Zerreißprobe unterworfen.

Und irgendwie finde ich es schade, dass man nicht so ganz aus dem Text herauslesen kann, ob Jesaja dem König gegenüber überlegen ruhig geblieben ist oder ihn einfach mal angeschrien hat. Jedenfalls teilt er ihm mit, dass nun auch bei Gott das Ende der Geduld erreicht wäre, denn auch Gottes Geduld hätte Ahas nun ausreichend strapaziert.  Darum wird Gott selbst ein Zeichen geben:

Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Die Welt ist wie ein kleines, neugeborenes Kind in unserem Arm. Sie braucht die gleiche Liebe, Fürsorge, Achtsamkeit, um groß zu werden und auch Verlässlichkeit und entsprechende Spielregeln. Dafür tragen wir als Vater und Mutter die Verantwortung. So trägt jeder von uns auch für diese Welt die Verantwortung. Ich kann sie nicht auf andere abwälzen.

Es geht nicht um Macht und Vorherrschaft, sondern um Liebe, die nichts anderes zum Ziel hat, als in Frieden und gegenseitiger Achtung miteinander zu leben.

Gott hat nicht einem einzigen Menschen allein die Macht gegeben, sondern uns allen, als er am Beginn der Schöpfung zu uns sagte: „Macht Euch die Erde untertan!“

Wir alle, jede und jeder einzelne von uns hier in dieser Kirche und da draußen in der Welt trägt diese Verantwortung, seinen Anteil an der Verantwortung am Gelingen der Schöpfung Gottes und damit am Frieden in dieser Welt.

Und genau darauf verweist auch uns Jesaja. Es stellt sich immer die Frage, mit wem wir ein Bündnis eingehen, mit wem wir Koalitionen eingehen, ob wir uns verkaufen und Gott dabei verraten oder nicht.

Jesaja weist auf die Geburt des Immanuel hin. Immanuel bedeutet übersetzt „Gott mit uns“. Also: Gott ist mit uns. Was für eine Zusage!!!

Und wenn wir heute den Friedefürst in dieser Welt empfangen, dann macht das deutlich, dass es nur einen Fürsten gibt, von dem Frieden ausgehen kann und das sind nicht die Trumps, Putins und wie sie alle heißen mögen, sondern Jesus Christus allein.

Wenn wir ihm folgen, ihn als unseren Fürsten annehmen und anerkennen als unseren Heiland, dann wird Friede. Und Friede beginnt nicht mit Ausgrenzung, sondern mit Annahme.

In dieser Welt gibt es neben der Freude in dieser Nacht der Liebe, die in uns glüht und brennt, auch sehr viel Angst.  Die Angst vor der Armut im Alter; die Angst um den Job; die Angst vor Krankheit; die Angst vor dem Fremden; die Angst vor dem Andersgläubigen, aber komischerweise nicht die Angst vor dem Gar-Nichts-Glaubenden. Wenn wir die Ängste unserer Nächsten ernstnehmen, nämlich als das, was sie sind, als Ausdruck einer Frage, auf die wir im Moment keine Antwort wissen, können wir die Frage stellen: Und was würde uns der Friedefürst Jesus Christus dazu sagen?

Was wäre, wenn wir uns zuerst diese Frage stellen würden und nicht die, welche Partei die richtige Antwort darauf haben könnte? Wenn wir zuerst die Frage Jesus stellen und dann die Antwort mit der der einzelnen Parteien vergleichen?

Wahrscheinlich würde Jesus zweierlei antworten. Zum einen:

„Was ihr dem Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan.“

Und zum anderen – wen wird es überraschen:

„Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst!“

Liebe kann enttäuscht werden. Ja, diese Erfahrung haben wir alle schon einmal in unserem Leben gemacht. Und wir wollen auch  nicht die Tränen zählen, die unter manchem Weihnachtsbaum geflossen sind. Aber wenn ich davon ausgehe, dass meine Liebe enttäuscht werden könnte und ich sie deshalb gar nicht erst wage, dann kann es keinen Frieden in dieser Welt geben. Liebe und Friede sind immer ein Wagnis, für das ich Mut und Vertrauen brauche.

Und so wie damals Jesaja, haben auch wir heute unsere Warner und Ermahner, die uns gutem Grund davor warnen dieser Partei oder jenem Politiker zu folgen oder zu vertrauen.

Die Mächtigen dieser Welt hatten schon immer Angst, ihre Macht zu verlieren; vor allem, wenn sie wussten, dass ihre Macht auf tönernen Füßen steht. Auch Herodes wusste das. Dehalb ließ er – als er von der Geburt des Königs Jesus Christus erfuhr – alle neugeborenen Knaben töten.

Die Politik, die Mächtigen haben es schon immer verstanden, sich der Religionen zu bedienen, weil auch Religionen, die Kirchen verführbar waren und sind, was den Umgang mit Macht betrifft –  oder auch die Kirchen zu bekämpfen, weil sie um die Sprengkraft – und da war wieder das Wort – des Evangeliums, der Botschaft der Heiligen Nacht wissen.

Sowohl Jesaja als auch die Heilige Nacht – das Wunder der Heiligen Nacht – machen es deutlich, dass es nicht nur um gefühlige Romantik, das goldene Licht der Kerzen am Weihnachtsbaum geht, sondern um den Frieden in der ganzen Welt. Und die Keimzelle des Friedens liegt in der Familie, bei uns zu Hause. Sie liegt in der Art, wie wir unsere Kinder erziehen.

Sowohl Jesaja als auch die Evangelisten machen deutlich, dass die Geburt Jesu Immanuel keine bloße Romantik ist, sondern eine weltpolitische Bedeutung hat. An Gott zu glauben, ein Christ zu sein oder einmal im Jahr in den Gottesdienst zur Heiligen Nacht zu gehen, ist Ausdruck dieser Hoffnung auf Frieden, Liebe, Harmonie und natürlich Romantik beim Blick in die Krippe.

„Christ, der Retter ist da.“

Man muss sich aber auch retten lassen wollen von diesem Retter. Und wie das funktioniert, hat er in seinem Leben deutlich gesagt:

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“

Die Heilige Nacht, in der wir offener sind als sonst für unsere Gefühle, lädt uns ein, auch uns selbst zu lieben. Das heißt, auch unsere Ängste und Befürchtungen auszusprechen, die uns, die mich daran hindern könnten, den anderen zu lieben.

Und es geht dann auch nicht darum, diese Ängste einfach zu zerstreuen oder mit populistischen Methoden wegmachen zu wollen. Ausgrenzung beseitigt nämlich keine Ängste und löst auch keine Ängste und Befürchtungen auf, sondern schürt sie. Und dann muss man sich die Frage stellen, warum mit den Ängsten anderer gespielt wird, warum diese Ängste für Politik missbraucht werden, ja angefacht werden.

Das bringt nämlich alles nichts, weil die Ängste bleiben. Wo Angst ist, muss der lange Weg des Wachsens von Vertrauen gegangen werden. Und wie schwierig das ist, erleben wir auch heute wieder in der 2017. Heiligen Nacht.

Und an der Stelle, finde ich noch einmal sehr wichtig, was wir vorhin von Paulus gehört haben. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer:

Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.

An dieser Stelle bin ich durchaus aus reiner Neugier versucht, mal die Frage zu stellen, wer von Ihnen Mitglied der Kirche ist und wer nicht, aber das tut jetzt gar nichts zur Sache. Und wissen Sie auch warum? – Weil wir alle hier sind, weil uns eines zusammenbindet: Die Hoffnung und der Wille, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten. Dazu muss ich nicht in der Kirche sein, aber der Gehorsam des Glaubens, der im Gebot der Nächstenliebe mündet, kann dazu führen, dass ich Teil dieser Gemeinschaft werden möchte. Auf alle Fälle aber, trägt dieser Gehorsam im Gebot der Nächstenliebe dazu bei, dass diese Welt friedlicher werden wird.

Wer heute Nacht hier in dieser Kirche oder in irgendeiner anderen Kirche zum Gottesdienst geht, den hat Jesus Christus hierher gerufen, das Kind in der Krippe, vor dem wir wie die Hirten unsere Knie beugen. Und im Glanz dieser Nacht spüren wir den Auftrag dieser Nacht: Lasst uns nicht verzagen, sondern Liebe wagen.

Amen.

Predigt in der Christnacht in der Evangelischen Königin-Luise-Gedächtniskirche am 24. Dezember 2017