Martin Dubberke | Pfarrer

Die Anhörung

Berlin 2014. Paulus sitzt in einem der großen Sitzungsräume des Deutschen Bundestags. Da findet heute eine große Anhörung zum Thema „Die Bedeutung des Religiösen in der Bundesdeutschen Gesellschaft“ statt. Man hat Paulus als Experten eingeladen, der aufgrund seiner rund zweitausendjährigen Erfahrung mit dem Christentum als ausgewiesener Experte und Christus-Blogger bekannt ist.

Paulus hat sein iPad vor sich auf den Tisch gelegt, und erst einmal auf Facebook und Twitter gepostet, dass gleich die Anhörung beginnen und er dabei eine wichtige Rolle spielen wird.

Der Ausschussvorsitzende macht eine etwas trockene und uninspirierte Begrüßung und erteilt nun Paulus das Wort.

Er bleibt an seinem Platz sitzen, schaltet das kleine Mikrophon ein. Die rote Lampe leuchtet.

Er bedankt sich zuerst für die Einladung und freut sich über das Interesse an dem Thema:

„Sehr geehrte Abgeordnete, die sie hier in der Bundesrepublik Deutschland Verantwortung für dieses Land und die Menschen die darin leben übernommen haben, ich bedanke mich herzlich für diese Einladung und die Gelegenheit, mit ihnen in einen Gedankenaustausch zu einem Thema eintreten zu können, das die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes mehr bewegt, als es ihnen bewusst und lieb ist und vor allem als sie es zugeben würden: Gott.

Ich hatte gestern, als ich in dieser wunderbaren Stadt eintraf, das großartige Vergnügen, dass mir der Regierende Bürgermeister diese beeindruckende Stadt gezeigt hat. Er zeigte mir das neue Bikinihaus an der Gedächtniskirche, die großartigen Einkaufsstraßen dieser Stadt und die imponierenden überdachten Märkte, die Sie Arkaden nennen. Alles Orte, die mich sehr an die Geschichte vom Goldenen Kalb erinnerten. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich sah Menschen, die – wie von einer inneren Unruhe getrieben – durch diese Märkte eilten, ihre Kinder anschrien und hinter sich herzogen. Ich sah Menschen, die sich nicht einmal für eine Tasse Kaffee Zeit nahmen, sondern einen Pappbecher mit einem Schnabeldeckel in der Hand trugen, um im Gehen zu trinken.

Der regierende Bürgermeister zeigte mir aber auch die Kirchen dieser Stadt. So erlebte ich, dass Gedränge vor einer großen Kirche ganz hier in der Nähe, dem Berliner Dom, wo man Eintritt zahlen muss, wenn man sie betreten möchte.

Ich kam aber auch in Kirchen, wo wir keinen Eintritt zahlen mussten. Doch diese waren menschenleer.

Und ich sah in dieser Stadt viele Schilder an den Hauswänden, auf denen „Psychotherapeutische Praxis“ stand. Und ich erfuhr, dass man lange Zeit warten muss, um in einer solchen Praxis einen Platz zu bekommen, weil so viele Menschen nach dem Sinn in ihrem Leben suchen.

Der Regierende Bürgermeister zeigte mir dann auch eine große Buchhandlung an der Friedrichstraße, die fast rund um die Uhr geöffnet hat. In dieser Buchhandlung fand ich nur wenige christliche Bücher, aber ganz viele Seelenratgeber, die sich bestens verkaufen, wie mir ein Vertreter dieses Buchhändlers verriet.

Mit all diesen Bildern im Kopf begab ich mich dann in mein Hotel, wo ich den Fernsehapparat eingeschaltet habe und mehrere abendliche Debattierrunden sah. Man nennt sie Talkshows. Und wissen Sie, weshalb ich den Fernseher nicht abgeschaltet habe? – Ich hörte in allem eine tiefe, religiöse Sehnsucht. Die Menschen glaubten an irgendwelche unbekannten, hohen Mächte, denen sie aber keinen Namen zu geben vermochten. Sie glaubten an irgendetwas, dass es da geben mochte. Aber an keiner Stelle kam Ihnen das Wort Gott über die Lippen. Dafür machte ein anderes Wort die Runde: Spiritualität.

Ich nahm mir daraufhin mein iPad und recherchierte kurz, wie viele Exemplare von Ratgeberbücher oder auch religiösen Büchern in der Bundesrepublik Deutschland verkauft werden. Dabei entdeckte ich, dass das Buch eines Herrn Hirschhausen zum Thema Glück 650000mal verkauft worden ist, dass die Bücher eines Mönchs namens Anselm Grün sich millionenfach verkaufen. Ich gewann das Gefühl, dass Bücher, in deren Titel das Wort „Spiritualität“ vorkommt, sich wie von alleine verkaufen.

Die Menschen suchen also nach dem Sinn des Lebens und sie suchen nach dem Gott, der ihnen hilft und ihnen Orientierung in ihrem Leben gibt.

Sie suchen alle nach dem unbekannten Gott. Und das erinnert mich an meine Rede auf dem Areopag in Athen. Der Areopag ist ein etwa 115 Meter hoher Berg in Athen, auf dem damals der Rat der Stadt tagte. Also ein ähnlich wichtiges Gremium wie der Bundestag. Und dort hatte man mich damals zu einer ähnlich gelagerten Frage eingeladen.

Ich zitiere einfach mal an der Stelle mich selbst.“

Paulus lächelt ein wenig verschmitzt und öffnet auf seinem iPad seine elektronische Bibel und wischt sich hier mit dem Finger bis zur Apostelgeschichte des Lukas, Kapitel 17 durch:

Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. 

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“

Es gibt nur einen wesentlichen Unterschied zu meiner damaligen Rede, wenn ich mir hier Ihre Situation in Deutschland ansehe: Damals war mein Gott, zu dem ich mich bekenne, noch ein verhältnismäßig unbekannter Gott, weil er noch nicht in aller Welt bekannt war. Und ich darf mich in aller Bescheidenheit rühmen, dass ich einen wesentlichen Anteil daran hatte, das zu ändern.

Leider haben wir heute eine umgekehrte Situation: In Deutschland haben Sie schon seit vielen Generationen die Verbindung zu diesem, meinen Gott, unserem Gott verloren. Gott ist Ihnen unbekannt geworden. Und je unbekannter er wurde, desto mehr kam die Sehnsucht nach einer unbekannten, diffusen Macht oder Wesenheit auf, die da irgendwo ist und meine Spiritualität beflügelt.

Ich kann Ihnen sagen und auch aus meiner langen Erfahrung heraus versichern, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“

Paulus schaut in die Runde und hat das Gefühl, nun alles gesagt zu haben. Doch kaum hat er das Mikrophon abgeschaltet, leuchtet am anderen Ende der großen Runde ein rotes Mikrophonlicht auf. An diesem Platz sitzt ein Evangelischer Pfarrer, der Mitglied des Bundestags ist: „Sehr geehrter Paulus, vielen Dank für diese wortreichen Ausführungen zur religiösen Situation in unserem Lande, die uns ja selbst nicht unbekannt ist. Mir fehlt aber der praktische Aspekt, der sich aus Ihrer Analyse ergibt, und damit die Antwort auf die Frage nach der Umsetzung, also die Handlungskonsequenz, die sich aus dem Ganzen ergibt. Ich habe den Eindruck, dass Sie uns hier noch eine Antwort schuldig sind.“

Paulus schmunzelt, als hätte er genau mit dieser Frage gerechnet und schaut ihm tief in die Augen, als würde er nur wenige Zentimeter von ihm entfernt sitzen: „Sie sind evangelischer Pfarrer nicht wahr? Zumindest klingen Sie ganz danach. Wenn dem so ist, haben Sie doch lange genug die heilige Schrift studiert und dann müssten Sie auch die Antwort wissen. Seien Sie nicht verzagt. Trauen sie unserem Gott und gehen Sie dahin, wo auch ich hingegangen bin. Gehen Sie auf die Straßen und Plätze dieses wunderbaren Landes und kommen mit den Menschen ins Gespräch, besuchen Sie sie zu Hause, holen Sie sie da ab, wo sie sind. Meinetwegen twittern und facebooken Sie. Verheimlichen Sie nicht unseren Gott. Laden Sie ihre Gemeindeglieder, unsere Schwestern und Brüder ein, es Ihnen gleich zu tun. Scheuen Sie sich nicht, Werbung für Gott zu machen. Sie haben doch aus Matthäus 28 den Auftrag, Werbung zu machen, den Missionsauftrag. Sie haben eine Botschaft.

Jeder Christ hat die gleiche Botschaft und mit der Botschaft wird jeder Christ zum Botschafter. Und was ist ein Botschafter? Jemand, der die gute Botschaft weiterträgt, sie erzählt.

Meine Botschaft ist ganz einfach: Trauen Sie sich, Botschafter zu sein, damit den Menschen nicht unbekannt bleibt, wonach ihre Sehnsucht fragt.“

Paulus sagt noch: „Amen.“ Aber das geht im Beifall der Anwesenden unter.

Und ich? Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen. Amen.

 

Predigt über Apostelgeschichte 17, 22-28a am Sonntag Jubilate 2014,
gehalten in der Evangelischen Silas-Kirche in Berlin Schöneberg am 10. Mai 2014