Die Angst vor der Freiheit

Erfahrungen aus der Beratungsarbeit mit Männern

“In Ängsten die einen und die andern leben und die andern leben und sie leben nicht schlecht…”

Ich arbeite mit Männern. Sie zu beraten ist mein Beruf. Ich arbeite mit besonderen Männern, mit Männern, die Angst haben, Angst vor der Freiheit. Sie haben Angst, daß ihre Frau sie verlassen wird, Angst, daß sie nie wieder eine Frau finden. Ohnmacht. Eine Angst, die tief sitzt. Meine Männer sind alles Männer, die gewalttätig geworden sind. Wenn ich von Erfahrungen mit Männern aus der Beratungsarbeit berichten soll, dann werden es immer Erfahrungen aus der Arbeit mit gewalttätigen Männern sein. Aber warum auch nicht? Die Gewalt des Mannes ist das Brennglas, mit dem die Angst vor der Freiheit deutlich wird. Das klingt paradox. Ist vielleicht auch nur schwer zu verstehen, aber lassen Sie mich die folgende Geschichte erzählen.

Freiheit bietet keine Struktur, keine Sicherheit, keine Orientierung

Er ist ein Bild von einem Mann. Sein Body ist “gebuildet”. Er ist stark, sieht nett aus. Felix, so nenne ich ihn einfach, strahlt über das ganze Gesicht. Er hat Charme. Doch wenn ich ihm in die Augen sehe, dann erkenne ich dort nicht den großen starken Mann, dann sehe ich dort nicht den Mann, der etliche Jahre in einer Spezialeinheit der Bundeswehr gedient hat, der ein harter, ein echter Mann sein musste. Er schwärmt davon, wie er an der Luke des Flugzeugs stand und mit seiner MG in der Hand abspringen musste.

Rein ins Gelände. Wenn er das erzählt, klingt das alles nach Abenteuer. Dann leuchten sein Augen. Aber dieses Heldenleben ist schon eine Weile her. Ausgemustert. Die Gründe tun hier nichts zur Sache. Er wurde Schmied. Ein starker Typ, der es drauf hat, eine Frau so anzuschauen, dass sie ihn für unwiderstehlich halten muss. Felix wirkt nicht so, als hätte er vor irgendetwas Angst. Er wirkt aber auch nicht so, als müsste man vor ihm Angst haben.

Er sieht aus, wie jemand, der ganz und gar in sich ruht und den nichts aus der Ruhe bringen kann.

Felix sitzt seit zwei Jahren im Knast.

Warum? – Er hatte Angst. Er hatte sein ganzes Leben lang Angst. Angst davor zu unterliegen. Sie fragen sich vielleicht, was das mit der Angst vor der Freiheit zu tun hat? Auf den ersten Blick vielleicht nicht so viel. Felix hat sich vor der Freiheit gedrückt. Die Freiheit ist lebensgefährlich, denn Mann ist dort ganz und gar für sich selbst verantwortlich, muss für sich selbst sorgen, muss dort überleben können. Und Freiheit überlebt Mann, indem Mann sich von der Freiheit fernhält, man ein Mann wird.

Felix ist in die Armee gegangen. Er kommt aus einer Ecke, in der man nicht Bund, sondern Armee sagt. Das war anders als im Westen. So erzählt man es sich zumindest, denn ich war als Frontstädter weder bei den einen noch bei den anderen, weil ich nicht durfte, nicht musste. Felix ging also zur Armee. Dort sagte man ihm, was seine Freiheit war und welche Freiheit er zu verteidigen hatte. Damit verlor die Freiheit für ihn das Beängstigende, denn die Freiheit, die ihm blieb war überschaubar geworden. Er lebte in einer Kommandostruktur, die alles für ihn regelte und ihm doch das Gefühl gab, ein echter Kerl zu sein und seinen Mann im Leben und in der Gesellschaft zu stehen. Er war so frei. Die Armee gab ihm Halt, Orientierung, eine klare Struktur und damit Sicherheit.

Was will Mann mehr.

In der Armee war das alle kein Problem, doch dann änderten sich die Zeiten und auch die Freiheiten. Das eine System brach zusammen und damit auch die Orientierung. Alles redete von Freiheit. Alles feierte die Freiheit. Einigkeit und Recht und Freiheit klang es von überall her…

Die Freiheit bekam Felix überhaupt nicht. Er kam nicht in ihr zurecht. Es funktionierte nichts mehr so wie es einmal funktioniert hat. Er musste nun als Schmied leben. Selbstverantwortlich. Niemand mehr, der ihm Halt gab, der ihm Orientierung gab, der seine Freiheit in überschaubaren Grenzen hielt, so dass er Freiheit aushalten konnte.

Seine Freundin hatte Geheimnisse vor ihm und das hielt er nicht aus. Er kontrollierte sie, spionierte ihr nach, versuchte ihre Freiheit einzugrenzen auf ein Maß, dass ihm überschaubar und nicht mehr gefährlich werden sollte. Er fing an, sie isolieren zu wollen.

Eine sehr feine Form der Gewalt. Ein Mann, der Angst vor seiner Freiheit hat, der hat vor allem auch Angst vor der Freiheit der anderen. Der andere kann ihm gefährlich werden, kann ihm übermächtig werden und seine eigene Ohnmacht deutlich machen, also muss ich seine Freiheit eingrenzen, klein halten, überschaubar halten. Das tat Felix, bis seine Freundin ausbrechen wollte. Da schlug er zu, schlug alles kurz und klein und sie krankenhausreif.

Endlich wieder frei. Prozeß, zwei Jahre und neun Monate Freiheitsentzug. Endlich wieder ein überschaubares Leben, das von anderen geregelt wird. Hier weiß Felix, woran er ist. Die Spielregeln im Knast sind klar, die Hierarchien sind klar. Alles ist klar. Auch das Ende. Felix sitzt vor mir, sichtlich nervös. Es ist nur noch ein knappes Dreiviertel Jahr bis zu seiner Entlassung und er hat Angst vor der Freiheit. Wir werden mit kleinen Pausen fast ein halbes Jahr zusammenarbeiten und es ist mir klar, wenn es uns in dieser kurzen Zeit nicht gelingt, ihm Lust auf Freiheit zu geben und Vertrauen darauf, sich selbst orientieren zu können und im Ansatz eigenverantwortlich zu leben, dann wird er nicht lange draußen bleiben.

Freiheit bedeutet Mut zur Grenzziehung

Was aber heißt Freiheit? Vielleicht zu den eigenen Bedürfnissen stehen und sie befriedigen? D.h.: Mann muss für seine Freiheit kämpfen können, sie verteidigen können.

Eine andere Geschichte. Sam ist ein smarter, flotter Bursche Ende zwanzig. Er hat einen Job als Maurer. Man sieht es seinen Händen nicht an. Seit sechs Jahren ist er verheiratet. Vom Elternhaus rüber in den Ehehafen gewechselt. Seit fünf Jahren ist er Vater. Auch er sitzt bei mir in der Beratung, weil er Angst vor der Freiheit hat. Mit anderen Worten. Er war seiner Frau gegenüber – genau – gewalttätig. Das Problem: Er kann sich einfach nicht erinnern, wann und vor allem warum er gewalttätig wird. Die Arbeit mit ihm ist schwierig, weil man ihm alles aus der Nase herausziehen muß. Außerdem ist er unpünktlich. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Bei seiner dritten Verspätung weise ich auf die Vereinbarung hin, die wir miteinander geschlossen haben. Dazu gehört auch Pünktlichkeit. Unpünktlichkeit bedeutet Regelverstoß, bedeutet Abbruch durch den Klienten. Sam hat viele gute Gründe für seine Verspätungen. Er musste noch das Kind versorgen und für seine Familie das Essen machen oder die Wäsche aufhängen oder für seine Frau noch etwas besorgen.

“Sam”, und ich schaue ihm dabei tief in seine Augen, “Sam, wenn ihnen die Sache hier wichtig wäre, würden sie Himmel und Erde in Bewegung setzen, damit sie hier pünktlich wären.”

“Ja, aber ich bin doch nun hier.”

“Aber zehn Minuten zu spät. Sie berauben sich zehn wertvoller Minuten, die wir nicht hinten dranhängen werden. Sie sind dreimal zu spät gekommen, damit sind Sie draußen. Das wissen Sie.”

Er wird sichtlich nervös. Er versteht es einfach nicht. Allmählich gelingt es, ihm deutlich zu machen, dass er nicht für sich sorgen kann, weil er immer für andere sorgen muss. Er beraubt sich selbst, raubt sich aus und läßt sich ausrauben. Er verteidigt seine Freiheit nicht, sondern läßt sich gefangen nehmen. Er tut das nicht gegen seinen Willen. Dieser Akt geschah freiwillig.

Plötzlich fällt sein Blick auf die Boulevardzeitung, die er auf dem Beistelltisch abgelegt hat und er sagt: “Ich darf nicht vergessen, das Photo rauszunehmen.”

“Welches Photo?”

“Das Nacktphoto auf Seite drei.”

Ich bin erstaunt. Denke erst, er sammelt sie. Doch dann stellt sich heraus, dass er sie rausschneiden muss, weil seine Frau es so will. Sie will nicht, dass er außer ihr eine andere Frau nackt sehen darf. Also, darf er es auch nicht im Fernsehen. Dort schaltet sie regelmäßig den Videotext über die Nackt- und Liebesszenen und paßt auch gut auf, dass er nicht an der Fernbedienung rumspielt, wenn sie mal aus dem Zimmer geht. Er darf auch nicht schwimmen oder in die Sauna gehen oder mit Freunden mal abends ein Bier trinken. Er ist an diese Wohnung, an diese Familie gefesselt. Sein Ausgang besteht in der Arbeit. Wehe, wenn er nicht pünktlich nach Hause kommt.

Plötzlich erzählt er von der letzten Auseinandersetzung. Zum ersten Mal kann er sich erinnern. Es war in der Küche. Sie hatte ihm vorgeworfen, das Nacktphoto so sauber aus der Zeitung getrennt zu haben, dass er sich mit Sicherheit einen besonderen Lustgewinn an dem Bild verschafft hätte. Das war der berühmte Tropfen. Es krachte.

Ich bitte ihn, mir zu zeigen, in welcher Weise er gewalttätig geworden ist und er zeigt mir, wie er sie geschubst hat, wie er sie aus seinem Gebiet geschubst hat. Sie hat die Grenzen seiner Freiheit verletzt, doch das wurde ihm erst jetzt schmerzlich bewusst. Er hat seine Grenzen nie deutlich gemacht, hat sie nie vertreten, vielleicht nicht selbst gekannt. Er hat die Grenze erst dann gespürt, wenn er alles getan hat, um sein Gegenüber zufrieden zu stellen, ein guter, aufmerksamer Mann und Vater zu sein und er dafür kein Lob bekommen hat, sondern wieder nur Misstrauen erntete.

Auf die Frage, warum er denn nicht einfach mal mit Freunden wegginge, antwortete er:

“Wenn ich das wollte, würde sie sagen, daß sie mich verläßt.”

“Und wenn Sie die Sache umdrehen und sagen, daß Sie sie verlassen, wenn sie nicht gehen können?”

“Dann würde sie antworten: Was aus so einem nichtigen Grund willst Du mich und das Kind verlassen?”

Gefangen in klaren Verhältnissen. So hart es klingt, aber Sam hat Angst vor der Freiheit seiner eigenen Entscheidung, weil seine Entscheidung Konsequenzen hat. Doch genau das bedeutet Freiheit.

Angst vor der Freiheit ist Angst vor sich selbst

Angst rührt aus Erfahrung, etwas wiederzuerleben, was man einmal traumatisch erlebt hat oder etwas zu erleben, das traumatisch werden könnte. Angst vor der Freiheit ist Angst vor sich selbst, vor seinen eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen, vor der Welt da draußen, der man sich nicht gewachsen fühlt. Also schafft Mann sich eine Welt, in der er Sicherheit verspürt, die ihm Schutz bietet vor allem was gefährlich ist oder gefährlich werden könnte. Also engt er seine Bewegungsfreiheit ein und damit auch die aller anderen.

So sind Rollenbilder und Rollenerwartungen entstanden. So hat Mann angefangen zu definieren, was ein richtiger Mann und eine richtige Frau zu sein hat. Nur “dummerweise” sind vor einiger Zeit die Frauen hinter diesen Trick der Männer gekommen und haben angefangen, das durchschaute System männlicher Freiheit in Frage zu stellen. Damit wurden all die sicheren Rollenbilder unsicher. Diese Rollenbilder sollten einen doch vor Gefahren bewahren. Und nun?

Die alten Bilder haben Grenzen geschaffen. Grenzen, in denen Mann sich frei und sicher bewegen konnte, Grenzen, die einen aber auch blind machen konnten für die eigenen Bedürfnisse und die Gefühle anderer, weil Mann einen sich einen dicken Panzer, eine Rüstung angelegt hatte.

Männer sind gefangen in Ängsten vor Ohnmacht, in Rollenbildern, Erwartungen, Glaubenssätzen, die ihnen Halt gaben. Sie boten die Sicherheit, weil Klarheit. Ein Mann, der das ab- oder aufgeben muss, legt seinen Panzer, seinen Rettungsring ab.

Meine Echtheit ist Teil meiner Freiheit – Eine Übung

Diese Übung eignet sich hervorragend für eine Gruppenarbeit. Jeder Mann bringt mindestens zwanzig T-Shirts oder zehn Pullover mit. Dann brauchen wir noch ein paar Stifte und Etiketten, die man wieder leicht von der Kleidung lösen kann.

Jeder beschriftet so viele Etiketten, wie er T-Shirts oder Pullover mitgebracht hat. Er schreibt auf jedes Etikett einen Glaubenssatz, ein Rollenbild, das ihn vor einer Angst schützen soll. Dann klebt er das Etikett auf das Kleidungsstück und zieht es an. Dabei sollte er vielleicht darauf achten, dass seine größte Angst auf dem ersten T-Shirt stehen sollte, das er anzieht.

Wenn alle ihre T-Shirts anhaben, dann versuchen sie sich mal zu bewegen. Fühlen Sie einfach mal nach, wie groß Ihre Bewegungsfreiheit noch ist. Lassen Sie sich ruhig mal von einem anderen Menschen berühren und schildern Sie, was Sie dabei spüren, vor allem wie viel Sie dabei spüren. Jedes T-Shirt steht für eine Angst. Und jedes einzelne T-Shirt macht ihren Schutzmantel dicker und unempfindlicher für sich selbst und andere. Berühren Sie ruhig auch einmal den Panzer eines anderen und sie werden nicht viel von ihm wahrnehmen.

Fangen Sie dann an, ein Shirt nach dem anderen abzulegen. Schildern Sie sich gegenseitig, welche Angst, welchen Glaubenssatz sie ablegen und was das mit ihnen ausmacht, ob Sie sich verletzlicher fühlen und was Sie jetzt brauchen, welche Eigenschaft Sie jetzt vielleicht entwickeln können oder entwickeln müssen, was Sie mit dem Ablegen des Rollenbildes jetzt zulassen, für sich selbst zulassen. Und sollten Sie ein Shirt nicht ablegen können, dann sagen sie, was Sie brauchen, damit Sie es ablegen können und handeln es mit den anderen aus.

Sie werden merken, daß Sie sich am Ende, wenn Sie mit nackten Oberkörper dastehen, sehr frei, aber auch verletzbar fühlen werden. Sie werden plötzlich Dinge bemerken, die früher an ihnen abgeprallt sind. Sie entwickeln aber auch eine neue Beweglichkeit.

Nackt steht für Natürlichkeit. Natürlich bin ich noch immer ein Mann, auch, wenn ich die alten Rollenbilder, die alten Erwartungen ablege und nach meiner Echtheit also nach mir selbst schaue. Die Angst vor der Freiheit ist die Angst vor mir selbst.

 

veröffentlicht in:

Männerarbeit der EKD, Du stellst meine Füsse auf weiten Raum, Freiheit gestalten – Dem Leben Richtung geben, Werkheft zum Männersonntag 2000, Kassel