Martin Dubberke | Pfarrer

Der Blick in die Zeitung

Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut? Amos 3,6

Ich habe mich gestern Abend ernsthaft gefragt, ob ich wirklich diese Losung auslegen soll. Das ist doch nicht das, womit man den Tag und allzumal einen Geburtstag beginnen mag. „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?“

Das erste, was mir dazu einfällt, liegt einfach auf der Hand. Ich schaue mir die vielen Unglücke in der Stadt und auf dem Lande an, die ich so morgens in der Zeitung lese, die zuweilen biblischen Charakter haben.

Z.B. die Wölfe, die gestern bei Neuendorf in Potsdam-Mittelmark 15 trächtige Schafe gerissen und rund 500 Schafe in die Flucht geschlagen haben oder die erneuten Explosionen von Blindgängern bei Neuhausen.

Gestern habe ich sie noch als einfache Zeitungsmeldungen wahrgenommen. Doch nachdem ich die Losung gelesen habe, stellte ich mir die Frage, warum es zu diesen Unglücken gekommen ist, und – immer vorausgesetzt Gott wirkt das Unglück – was er uns damit sagen will. Ich meine, eine Schafherde und eine Wolfsfamilie muss ja nicht automatisch zu einem Unglück werden. Jeder für sich betrachtet, ist einfach ein Tier, das seine Nahrung sucht. Ein Blindgänger, der seit annähernd 70 Jahren in der Erde liegt, muss nicht explodieren.

Aber es ist so gekommen. Die Wölfe haben die Schafe gerissen und innerhalb weniger Tage kam es mehrfach in Neuhausen zur Detonation von Blindgängern. Rund siebzig Jahre ist nichts passiert und mit einem Male rumst es. Da könnte man nüchtern sagen: OK, da gab es ganz natürliche Einflüsse, die dafür verantwortlich sind, dass das Material nicht mehr sicher war und nun endlich das getan hat, wozu es mal geschaffen wurde, zu explodieren und damit zu zerstören. In Neuhausen hat man großes Glück gehabt, niemand ist zu Schaden gekommen. Aber was, wenn ich nun sage, Gott habe es gewirkt? Dann muss ich es doch als eine Aussage Gottes verstehen. Dabei hilft mir nun, dass die Losung aus einem Prophetenbuch stammt: Amos. Und wir wissen ja, die Propheten hauen immer ein wenig auf die Pauke oder blasen in die Posaune, wenn es um den Effekt geht. Sie sind diejenigen, die klar und deutlich Katastrophen als Konsequenzen Gottlosen Handelns ankündigen.

Also, was haben Sie ausgefressen? – Keine Angst, das was eine rhetorische Frage, rein um des Effekts willen.

Wenn Wölfe über Schafe herfallen, klingt das für uns, wie aus einer anderen Zeit. Das mag für den Schäfer im Moment schrecklich sein. Aber im Grunde genommen ist es doch etwas ganz natürliches. Die Wölfe stehen für das Recht, das die Natur einfordert. So gesehen handelt es sich um ein Unglück, das uns daran erinnert und gemahnt, dass es dem Menschen – Gott sei Dank – noch immer nicht gelungen ist, sich die Welt ganz und gar Untertan zu machen. Die von Propheten angekündigten Katastrophen sollen ja immer deutlich machen: Du darfst deine Rechnung nie ohne den Herrn machen. Lebe also nicht so, als hättest Du ihn vergessen oder wärst nicht auf ihn angewiesen. Sei Dir Deiner selbst nicht zu sicher.

Das gleiche gilt auch für die Bomben von Neuhausen. Wir haben in unserem Land seit 1945 Frieden. Seitdem haben wir keine militärischen Auseinandersetzungen mehr auf eigenem Boden gehabt. Unsere Soldatinnen und Soldaten sind in der Zwischenzeit wieder unterwegs an allen möglichen Krisenherden der Welt. Unser Blick geht da gerne nach draußen und allzu schnell vergessen wir, wohin der braune Terror unser Land gebracht hat. Das und andere traumatische Erfahrungen verdrängt der Mensch gerne in das Unbewusste. Da wird es weggesperrt und eingekapselt bis man denkt und fühlt, dass alles gut sei, doch in Wirklichkeit tickt im tiefsten Innern eine Zeitbombe. Man muss nur durch irgendeinen dummen Zufall retraumatisiert werden. Solche Blindgänger in der Erde stehen für die Verdrängungskraft des Menschen und der Gesellschaft. Und plötzlich geht so eine Bombe hoch. Da passiert etwas zu Fühlen und Anfassen. Es gibt einen Krater und alles ist plötzlich bedrohlich nah und nicht mehr im fernen Afghanistan. Geschichte lebt und bringt sich immer wieder in Erinnerung.

Die Explosion steht wie ein Ausrufezeichen da: Setze Dich mit Deinen Altlasten auseinander und falle nicht wieder in den alten Schlendrian. Das Brecht-Stück über den aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui endet mit den Worten: „Der Schoß, der ihn gebar, ist fruchtbar immer noch.“ Und solche Ausrufezeichen können uns auch daran erinnern.

Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, dass ich hier heute so schwere Kost bewegen muss, aber ich bin unschuldig. Beschweren Sie sich bei den Herrnhuter Brüdern, die den Text für heute gezogen haben.

Es kann ja auch sein, dass ich mich mit meiner Deutung der Dinge irre. Aber, und das bleibt unverrückbar stehen: Was immer wir in unserem Leben tun – auch das macht die Losung deutlich – unserem Tun folgt ein Ergehen – früher oder später.

Amos (3, 1-8) – liest man die Losung im Zusammenhang – macht deutlich, dass Erwählung nicht vor dem Gericht bewahrt.

Höret, was der HERR wider euch redet, ihr Israeliten, wider alle Geschlechter, die ich aus Ägyptenland geführt habe: Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde.

Können etwa zwei miteinander wandern, sie seien denn einig untereinander? Brüllt etwa ein Löwe im Walde, wenn er keinen Raub hat? Schreit etwa ein junger Löwe aus seiner Höhle, er habe denn etwas gefangen? Fällt etwa ein Vogel zur Erde, wenn kein Fangnetz da ist? Oder springt eine Falle auf von der Erde, sie habe denn etwas gefangen? Bläst man etwa die Posaune in einer Stadt und das Volk entsetzt sich nicht? Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut? Gott der HERR tut nichts, er offenbare denn seinen Ratschluss den Propheten, seinen Knechten. – Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?

Wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir der letzte Vers am besten:Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?

Und warum gefällt er mir so gut? Weil er so einfach ist. Gott ist so einfach gestrickt, ja auch wenn wir Theologen jede kleinste göttliche Regung ins Unendliche verkomplizieren können – so hat man uns ausgebildet – ist es doch am Ende ganz einfach: Was Gott von uns will, ist so simpel und so kompliziert zugleich: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

Und weil wir wissen, was passiert, wenn uns das nicht gelingt, sowohl die Liebe zum Nächsten als auch die Liebe zu sich selbst, können wir auch alle ganz leicht Propheten sein und voraussagen, was passiert, wenn wir es nicht tun.

Eigentlich ist die Sache mit Gott so einfach und man fragt sich, warum es den Menschen so schwerfällt. Aber das ist ein anderes Thema.

Hier stellt sich nun nur noch die Frage, was das alles mit den gezählten Haaren zu tun hat. Also dem Lehrtext aus Matthäus 10:Es sind eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht.

Auch hier lohnt sich wieder ein Blick in den Zusammenhang:

27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. 28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.  30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.

31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Wie wunderbar fügt sich das mit dem letzten Vers aus dem Amos-Zusammenhang: Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?

Als Christ, kann ich mich nicht im Schweigen verstecken, weil verstecken leugnen heißt. Und leugnen bedeutet den Gang in die vermeidbare Katastrophe.

Und weil dem so ist, haben wir als Christen keine andere Chance, als auch Propheten zu sein, weil wir mit dem Wissen um die Konsequenz ausgestattet sind.

Liebe Leserin und lieber Leser, ich wünsche Ihnen, dass Ihnen die Liebe zu sich selbst und zu Ihren Nächsten nie verloren gehen möge. Ich wünsche Ihnen, dass der liebe Gott sie niemals von der Hand lässt, sondern stets in Ihrer Nähe ist und Sie diese Nähe immer unglücksfrei spüren.