Martin Dubberke | Pfarrer

Der Befehl

Liebe Abrahamitinnen und Abrahamiten,
ja, ich sehe es Ihren Augen an. Jetzt fragen Sie sich sich: Was meint der jetzt damit?
Naja, wenn Gott nicht vor ungefähr 4000 Jahren Abraham auserkoren hätte, seinen Kindern und seinem Hause nach ihm zu befehlen, dass sie des Herrn Wege halten und tun, was recht und gut ist, dann säßen wir heute morgen nicht hier zusammen und würden uns Gedanken über einen klitzekleinen Vers aus der Bibel machen.

Wir sind Nachfahren Abrahams. Keine Frage. Es ist so: Er ist unser Stammvater. Und weil die Geschichten von Gott, die Erlebnisse mit Gott und seine Weisungen von einer Generation zur nächsten weitererzählt und weitergereicht wurden, stehen wir in einer langen Tradition, die weit über Jesus hinausgeht.

Aber das ist nur das eine. Hören wir die Losung aus dem 1. Mose-Buch im Wortlaut:

Dazu habe ich Abraham auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des Herrn Wege halten und tun, was recht und gut ist.
1.Mose 18,19

Abraham hat von Gott den Auftrag erhalten, seinen Kindern den Befehl zu geben und seinen Nachfahren. Das heißt, jede Generation hat den Auftrag, ja den Befehl, seine Nachfahren auf den Weg Gottes zu bringen.

Was mich so sehr daran fasziniert, ist, dass es seit 4000 Jahren eine ungebrochene Kette gibt. Gut, die Kette ist dünner geworden, nicht mehr so massiv. Aber es gibt sie noch und sie funktioniert noch immer. Ich, Sie, wir alle stehen in einer viertausend Jahre währenden Befehlskette: Sich auf dem Wege Gottes zu halten und diesen Befehl weiterzugeben.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich spüre hier eine ungeheure Verantwortung, der ich mich nicht entziehen kann, und ich spüre eine ungeheure Nähe zu Gott. Dieser Befehl, kommt – auch nach viertausend Jahren – noch immer direkt von Gott und gilt für mich, für Sie, für uns alle.

Im 1. Buch Mose 13, 16 sagt Gott zu Abraham:

„…und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen.“

Sehen Sie, wir alle sind Abrahams Nachkommen und deshalb gilt Gottes Befehl auch heute noch und besonders heute, wenn ich mir ansehe, was die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD sagt:

„[…] mit jeder nachrückenden Generation wird die Relevanz von Glaube und Kirche in der Gesellschaft undeutlicher.“
(KMU, S. 128 | http://www.ekd.de/EKD-Texte/92124.html)

Das ist ein Alarmzeichen dafür, dass wir – nein, nein, nicht das, was Sie jetzt vielleicht glauben mögen. Nein, ich werde hier jetzt nicht von Befehlsverweigerung sprechen. Das würde die Sache zu einfach machen. Ich glaube, dass vielen die Relevanz dieses Befehls nicht mehr deutlich ist. Und das kann viele Ursachen haben, vielleicht weil sich bei vielen ein kritisches Verhältnis oder eine Distanz zur Kirche eingestellt hat oder der Mut fehlt, einen Befehl als Befehl auch zu formulieren und dazu zu stehen.

Die Ursachen können mannigfaltig sein. Ich glaube aber vor allem, dass es uns immer schwieriger fällt den Befehl so zu formulieren und auch zu leben, dass er einfach, verständlich und in sich zwingend notwendig zu leben ist.

Versuchen wir es doch einfach mal mit der Kurzfassung, die uns Paulus im Brief an die Galater mit auf den Weg gegeben hat:

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“
Galater 5, 17