Passionsnotiz Nr. 21 | Bild: Martin Dubberke

Dem Blick standhalten

Es klingt mir noch in den Ohren das: „Komm, nun mach schon!“ – Hat er das wirklich gerade zu mir gesagt? Ich stehe vor dem Spiegel und bin mir nicht so ganz schlüssig, mache noch einmal einen Schritt auf den Spiegel zu und schaue mir ganz genau in die Augen. Komisch, gerade hatte ich noch das Gefühl, dass mir jemand ganz anderes aus dem Spiegel in die Augen geschaut hat.

Es gibt manchmal so Situationen und dann frage ich mich, wie das eigentlich so war, wenn Gott jemandem im Traum begegnet ist oder in einem Dornbusch oder wie auch immer. Wie muss ich mir das vorstellen?

Meine Augen sehen stets auf den HERRN?

Aber hat Gott nicht einmal zu Mose gesagt, dass man es gar nicht aushalten würde, ihn zu sehen?

Ich stelle fest, dass es einfacher ist, in der Bibel zu lesen, dass Gott dem und dem begegnet ist, weil sofort das Kino im Kopf beginnt. Aber mal Hand aufs Herz: Das, was in der Bibel so selbstverständlich erzählt wird, dass Gott zu Abraham, zu Mose oder zu Hiob sprach, nehmen wir ganz selbstverständlich hin. Wie oft haben wir selbst diese Geschichten gelesen, oder spannend im Kindergottesdienst oder den eigenen Kindern erzählt? Eben Geschichten. Aber was, würde passieren, wenn ich heute Morgen zur Arbeit gehe und meine Kollegin mich fragen würde, was es Neues gibt und ich antworten würde: „Gestern Abend hatte ich eine Begegnung mit Gott. Wir standen beide so gegenüber und guckten uns in die Augen und plötzlich sagt der doch zu mir: Komm, nun mach schon!“ –  Das Gesicht würde ich doch gerne sehen. Ich vermute mal, sie würde denken, dass ich jetzt vollends spinne oder einfach überarbeitet bin oder doch während der Passionszeit etwas getrunken hätte.

Kein Mensch würde es mir glauben. Wobei, spannend wäre auch die Frage, wer es mir glauben würde. Oder fällt so eine Begegnung aus gutem Grund heutzutage unter die Schweigepflicht, weil es sich kein Mensch mehr wirklich vorstellen kann?

Nun gut, gehen wir noch einmal zurück auf Anfang. Ich weiß, heute bin ich ein wenig wirr, aber das stört mich nicht. Stellen wir uns ruhig mal vor, wir wären in dieser Situation, Gott säße uns gegenüber und unsere Augen würden auf den HERRN schauen und er würde zu dir sagen: „Komm, nun mach schon!“ – Einmal tief durchgeatmet und ruhig noch ein zweites Mal und dann nach der Tasse Kaffee gegriffen und einen Schluck getrunken, um ein wenig Zeit zu gewinnen. „Mein Gott“, denkst Du dann vielleicht bei Dir: „Jetzt hat er mich in die Verantwortung genommen.“ Du versuchst seinem Blick standzuhalten, denn der seine ist freundlich, kraftvoll, gewinnend und sehr bestimmt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich da zuerst der Mose in dir regt und du sagst: „Ich bin nicht würdig genug!“ – Wahrscheinlich würde Gott dir das gleiche antworten, wie Mose damals – nur ein wenig direkter: „Junge, Du weißt selbst genau, dass das eine faule Ausrede ist.“

„Das habe ich nun davon, dass meine Augen stets auf Dich, mein Gott, geschaut haben.“

„Was hast Du erwartet?“

„Ja, was habe ich erwartet? Auf jeden Fall nicht, dass Du plötzlich in meinem Wohnzimmer sitzt.“

„Damit hättest Du jeder Zeit rechnen müssen.“

„Nein, Du bist doch schon seit bald zweitausend Jahren keinem Menschen mehr erschienen.“

„Was macht Dich da so sicher. Ich sitze doch jetzt in Deinem Wohnzimmer? Wer sagt Dir, dass ich nicht gestern schon mal bei Deinem Nachbarn gewesen bin?“

„Na, der hätte das doch sicherlich erzählt. Der kann doch nichts für sich behalten.“

„So? Na, dann sage mir mal, was Du gedacht hättest, wenn der Dir erzählt hätte, wen er gestern Abend zu Besuch gehabt hat.“

Tja, in dem Moment müsstest Du schmunzeln, weil er dich ertappt hat.

„Ok, Du hast mich überzeugt.“

„Hast Du eigentlich eine Ahnung, wie anstrengend das für mich geworden ist? Früher hatte ich Propheten, die das für mich gemacht haben. Mit denen habe ich regelmäßig einen Jour fixe gemacht und gesagt, was sie sagen sollen. Das waren noch Zeiten, mit Jesaja oder Jeremia oder Jona – das war  kein schlechter Mann. Aber heute gibt es auch bei den Propheten Fachkräftemangel, so dass ich das nun alles alleine machen muss. Jeden Tag Hausbesuche und das in der ganzen Welt.“

„Naja, zumindest bekommst Du keinen Jetlag, Dank Deiner Omnipräsenz.“

„Da hast Du recht!“ Und nun muss auch der liebe Gott schmunzeln. „Also, mein Sohn“, kommt er wieder zum Thema zurück und schaut Dir in die Augen: „Was ist, kann ich mich nun auf Dich verlassen?“

Und schon hat Gott dir die Vertrauens- oder eher Bekenntnisfrage gestellt. Tja, und was wirst Du nun darauf antworten?

„Meine Augen sehen stets auf den HERRN.“

Darauf wird Dir Gott wohl antworten: „Dann weißt Du jetzt, was Du zu tun hast.“

Passionsnotiz Nr. 21 vom 21. März 2017