Martin Dubberke | Pfarrer

Das Licht, das in die Welt gekommen ist

Acht Verse, die es in sich haben. Acht Verse, die voll gepackt sind mit den Grundthemen unseres Glaubens:

  • Der Erniedrigung und der Erhöhung Jesu Christi, Gottes eingeborenen Sohn
  • Licht und Finsternis
  • Das Böse und die Wahrheit
  • Glaube und Unglaube
  • Gericht und Rettung

Jede Menge Gegensatzpaare, die die Spannweite menschlichen Lebens beschreiben. Es sind die Pole, zwischen denen wir uns jeden Tag bewegen. Es sind die Spannungen, die wir jeden Tag auszuhalten haben.

Gleichzeitig macht mir einer der Verse auch Angst:

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet.

Beim Lesen dieses Verses habe ich das Gefühl, als schlüge mir jemand mit der Faust in die Magengrube. So heftig empfinde ich diesen Vers. Er macht mir Angst, weil er von Menschen, die glauben im Licht zu wandeln, missbraucht werden kann. Er hat das Potential ein fundamentalistischer Schlachtruf zu sein, der den Umgang mit Ungläubigen bestimmen könnte.

Und mit einem Mal bekommt die befreiende Botschaft etwas Beklemmendes. Eigentlich sind doch diese acht Verse aus dem Johannes-Evangelium eine gute Botschaft, eine Mut machende Botschaft. Gott liebt uns, er liebt uns so sehr, dass er alles gegeben hat, um uns, seine Geschöpfe aufzurütteln, es wieder mit uns zu versuchen, uns zu retten und auf der Seite des Lichts zu halten. Und Gott hat in seiner Geschichte mit uns schon so vieles versucht. Er hat uns Propheten geschickt, die mit uns geredet haben, die uns ermahnt haben, die Tacheles mit uns geredet haben. Propheten, die genau analysiert haben, warum was passieren wird. Und wir haben es nicht angenommen, sondern Gefangenschaft und Vernichtung in Kauf genommen. Gott hat einmal mit der Sintflut das große Reinemachen versucht. Es hat nicht gehalten. Es war wie eine Diät, die einer macht, der dann wieder leichtsinnig wird und anfängt zu futtern. Naja, die eine Sünde sieht doch niemand. Und dann wird daraus ganz schnell ein Jojo-Effekt. Und war das nicht nach der Sintflut genauso? Es hat eine Weile vorgehalten und dann? Die Bibel kennt hier so viele Geschichten, erzählt so viele Beispiele der Gottvergessenheit, der Gottverdrängnis.

Ok, ich atme noch einmal durch und lese ein weiteres Mal den Predigttext. Und nun halten meine Augen einen Vers davor inne:

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Und mir wird warm ums Herz, weil ich weiß, warum ich Gott „Vater“ nenne. Denn er will mich nicht richten, sondern retten, weil er mich liebt. Eigentlich könnte alles so einfach sein. Er hat mir so viele Ratschläge und Weisheiten mit auf den Weg gegeben, wie es nun einmal ein Vater mit seinen Kindern tut. Gott hat mir Orientierung gegeben und deutlich gemacht, worauf es im Leben ankommt und mich dabei so angenommen wie ich bin. Also, genau das, was ich als Vater auch bei meinen Söhnen versuche. Und jetzt seien Sie mal ehrlich! Wer von Ihnen Vater oder Mutter ist, wird es nicht anders getan haben oder versuchen.

So, und dann schauen wir uns mal ehrlich im Spiegel unserer Seele an, was in uns vorgeht, wenn unsere Kinder einfach nicht annehmen wollen, was wir Ihnen an Orientierung bieten? Das schwankt zwischen Zorn und Verzweiflung, Erschöpfung und Kapitulation. Ich will Gott jetzt nicht vermenschlichen, aber vor dem Hintergrund wird mir noch einmal spürbar deutlich, mit welcher Geduld und Liebe er uns seit Anbeginn begegnet, auch wenn er uns manches Mal seine zornige Seite gezeigt hat.

Und wieder lese ich die acht Verse von vorne und muss an meinen alten Professor Hans-Martin Schenke denken, der in mir die Liebe zum Neuen Testament geweckt hat. Er hat immer zu uns gesagt: „In jedem Vers steckt ein ganzer Thomas Mann-Roman.“

Johannes schreibt:

„…die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.“

Das ist heute noch immer so. Da hat sich seit Jesu Zeiten nicht viel geändert. Auch wenn die Versuchung nahe liegt, möchte ich an dieser Stelle nicht über die große Weltpolitik, über einzelne Politiker nachsinnen oder so einen Mord, wie er gestern in Moskau geschehen ist.

Vielmehr stelle ich mir die Frage, warum es Menschen gibt, die sich nicht retten lassen wollen, die die Finsternis lieben. Ist es einfach die Rebellion gegen den Vater? Gott – ja, Gott – wer von uns hat das nicht getan, weil er seinen eigenen Weg finden wollte, den Weg des Vaters nicht akzeptieren wollte, aufbegehrt hat, weil man sich selbst sein wollte.

Das kann es aber nicht sein. Auf der Suche nach einer Antwort, fällt mein Blick auf den Satz:

Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist…

Ist doch komisch, eben noch spricht Johannes davon, dass Gott seinen Sohn nicht in die Welt gesandt hat, weil er sie richten, sondern retten wollte. Und ich lasse mir noch einmal die Worte auf der Zunge zergehen: Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist…

Ja, so ist es, denke ich mir. Ein Gericht kann nur richten, wenn es Licht ins Dunkel bringt, und herausarbeitet, was und warum etwas Böse gewesen ist.

Dieses Licht ist und war Jesus. Er hat uns an so vielen Stellen die Augen geöffnet und Sehende aus uns gemacht. Jesus hat uns einen vollkommen neuen Zugang zur Liebe eröffnet: Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.  Damit ist vorausgesetzt, dass sich erst einmal jeder Mensch selbst liebt. Das ist ok. Aber es heißt noch nicht, dass er den anderen liebt. Wer sich selbst liebt, muss noch lange nicht den anderen lieben, sondern kann dem anderen misstrauen, weil er kein Grundvertrauen hat. Und weil er misstraut, schließt er den anderen aus. Den Nächsten zu lieben, bedeutet aber auch dem Nächsten zu vertrauen. Besteht die Welt aber nur aus Menschen, die nur noch sich selbst lieben, verschwindet das Grundvertrauen und damit die Liebe aus der Welt. Verschwindet die Liebe aber aus der Welt, dann wird es dunkel. Und ins Dunkel zieht die Angst ein, und wo die Angst lebt, da wird mit der Angst regiert. Und wer mit der Angst regiert, will von den anderen das, was er selbst nicht geben kann: Geliebt werden. Und so wird aus seiner Furcht vor dem anderen, der Wunsch, dass ihn die anderen fürchten. Doch daraus erwachsen böse Werke und aus bösen Werken erwächst der Untergang.

Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, dass sie durch ihn gerettet werde. Und wer an ihn glaubt, der weiß auch, dass der eigentliche Schlüssel zur Rettung der Welt das Gebot ist: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Diese Liebe ist das Licht, das in die Finsternis strahlt. Diese Liebe ist das Licht, das zu dem geht, der Böses tut und in diesem Licht dessen Werke als das erstrahlen lässt, was er gerne im Dunkeln lassen würde.

Wer aber die Wahrheit tut, hat nichts zu verbergen. Der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Amen.

Predigt am Sonntag Reminiszere 2015 – gehalten am 1. März 2015 in der Königin-Luise-Gedächtnis-Kirche in Berlin-Schöneberg