Charlotte Roche | Schoßgebete

Von der Zumutung des Hörens

Alle Welt redet von Charlotte Roches neuestem Roman “Schoßgebete”. Nachdem ich die “Feuchtgebiete” ausgelassen hatte, habe ich mich nun dieses Mal von der PR und einem Auftritt der Autorin bei Markus Lanz verleiten lassen, das Buch zu lesen. In meinem Falle treffender: zu hören.

Da Charlotte Roche selbst die ungekürzte Fassung liest, wirkt die autobiographische Anmutung der Geschichte mit voller Wucht.

Charlotte Roche liest mit einer gewissen Distanz. Es klingt fast unbeteiligt. Sie nuanciert ganz fein. Es dauert eine Weile, bis ich die leise Ironie und das Augenzwinkern bei ihr höre. Ist halt schwierig, wenn jemand eine Geschichte erzählt, ohne dass man ihn sieht. Das ist anfangs ein großes Manko, weil ich ja weiß, wie Charlotte Roche mit ihren Augen spricht.

Der Einstieg in den Roman erinnerte mich ein wenig an die ersten fünfzig Seiten bei Umberto Ecos “Der Name der Rose”. Fünfzig Seiten wird dort das Portal einer Kirche beschrieben. Hier wird gefühlte dreißig Minuten ein Geschlechtsverkehr seziert. Bis ins kleinste Detail beschrieben ohne auch nur im Ansatz den Funken von Erotik aufkommen zu lassen, ist eine Leistung für sich und ich bin froh. dass nicht der ganze Roman aus Geschlechtsakten besteht.

Die Geschichte entwickelt sich nicht, sondern fließt wie ein Strom, der an manchen Stellen ans Ufer klatscht und versucht, einen kleinen Abzweig zu finden, aber dann nach wenigen Metern doch wieder ins Bett zurückfindet.

Die innere Distanz, mit der Charlotte Roche ihren Roman liest, gibt mir zuweilen das Gefühl, ihr Therapeut zu sein, der hinter der Couch sitzt und aufmerksam zuhört.

Zuerst wollte ich den Roman ja verreißen, weil ich auf den ersten Blick – oder in diesem Fall – für das erste Ohr enttäuscht war, und den Hype nicht nachvollziehen konnte. Doch dann passierten zwei Dinge. Zuerst las ich in der Berliner Zeitung ein Interview mit Charlotte Roche und ihrem Verleger und dann sah ich einen zweisätzigen Verriss des Romans durch Denis Scheck bei der ARD.

Plötzlich wurde mir klar, dass Charlotte Roches Roman eigentlich eine Sensation ist. Sie ist das deutsche Pendant zu Michel Houillebecq. Wie er fing sie mit dem Schreiben aus der therapeutischen Situation heraus an. Ihre autobiographische Betroffenheit schwingt durch jedes Wort hindurch. Das ist noch nichts besonderes. Auch Bernd Stelter tut dies in seinem Buch “Wer abnimmt, hat mehr vom Leben”. Die eigentliche Sensation dieser Geschichte liegt für mich darin, dass es eigentlich keine wirklich Geschichte ist, sondern eine Folge von Momentaufnahmen, eines einfachen, langweiligen, spießbürgerlichen Lebens mit extremen Katastrophen – nicht ungleich Michel Houillebecq – und mit Phantasien, die Houillebecq freilich bis ins Extrem zu treiben versteht. Das scheint sich Roche allem Anschein nach noch nicht zu trauen. Das Ende des Romans lässt hier allerdings hoffen, so offen wie es ist. Es schreit geradezu nach einer Fortsetzung.

Sie sehen, aus kritischer Distanz heraus, habe ich mich am Ende doch noch zu einem begeisterten Leser – pardon – Hörer dieses Buches entwickelt. Charlotte Roche hat mir manches zugemutet, aber am Ende hat es sich gelohnt.