Martin Dubberke | Pfarrer

Bücherwände versus ebook-Reader

Ich habe heute einen sehr guten Beitrag auf der Seite des Börsenblatts gelesen (Quelle: Börsenblatt News / „Diese bekloppten 99-Cent-Preise!“ ). Viola Taube, Buchhändlerin aus Nordhorn, hat die goldene Ehrennadel des Börsenvereins erhalten und eine sehr engagierte Rede gehalten. Ja, ich teile durchaus ihre Auffassung, dass man Bücher nicht zwischen Frischfleischtheke und Kühltruhe im Discounter oder an der Tankstelle verkaufen muss. Zum Autofahren eignet sich ohnehin ein Hörbuch besser 😉 Schließlich kaufe ich ja auch nicht edlen Schmuck bei Aldi, sondern beim Juwelier meines Vertrauens, der mich beraten kann.

Der Buchladen ist ein wichtiges Kulturgut, genauso wie die öffentliche Bibliothek im Kiez, die in Berlin ja am aussterben ist.

Ich schätze das Gespräch mit meinem Buchhändler, liebe den Duft von Büchern, den Ort, wo Menschen sich begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Wie oft war schon in der kleinen Buchhandlung um die Ecke ein Buchtitel, den ich in der Hand hielt der Anfang eines Gesprächs…

Es gibt allerdings eine Stelle in der hervorragenden Rede von Viola Taube, wo ich mit ihr nicht so ganz d’accord gehen kann. Sie schwärmt von ihrem Zuhause, mit den vielen Bücherwänden, den Schmuck, den die vielen verschiedenen Buchrücken bedeuten, aber auch, dass sie mit den Menschen zu Hause über Bücher ins Gespräch kommt. Ja, das stimmt, zumindest zum Teil. Auch ich habe zu Hause sehr viele Bücherwände und kann mir ein Leben ohne diese Bücher nicht vorstellen. Eine Wohnung ohne meine Bücher wäre für mich ein unvorstellbarer Ort.

Und genau das ist der Wermutstropfen, den das ebook leider mit sich bringt. Ich könnte tausende von ebooks haben und niemand sieht mehr, wie belesen ich bin. Sollte ich vielleicht mit einem Beamer die Titel meiner eBibliothek auf eine weiße Wand projizieren?

Und genau hier kommt bei mir eine ganz spannende persönliche Erfahrung ins Spiel. Die Menschen besuchen mich, und wenn sie zum ersten Mal in meiner Wohnung sind, fühlen sie sich beeindruckt von der Vielzahl meiner Bücher, und das war’s. Zuweilen kommt dann noch die Frage: „Hast Du die alle gelesen?“

Seitdem ich allerdings meine Bücher elektronisch auf einem ebook-Reader lese, komme ich mit einem Male mit vielen Menschen, Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Freundinnen ins Gespräch.

Entweder der Kollege sieht meinen Reader auf dem Schreibtisch liegen und fragt mich zuerst, wie zufrieden ich – in diesem Fall mit meinem Tolino – bin. Dann stellt sich heraus, dass er auch einen ebook-Reader hat. Und schon tauschen wir uns zuerst über die Vorzüge der Geräte aus und kommen dann zu dem, was wir gerade lesen. Gleiches gilt auch für zu Hause. Bekomme ich Besuch und er sieht meinen ebook-Reader, passiert das gleiche. Wir reden über Bücher. Ich habe schon lange nicht mehr so viel über Bücher mit anderen Menschen gesprochen, seitdem ich meine Bücher fast nur noch elektronisch lese. Ja, selbst in der S-Bahn habe ich mich schon mit anderen über das unterhalten, was ich lese.

Es gibt aber auch hier einen Wermutstropfen. Beim gedruckten Buch konnte ich dem Kollegen oder der Freundin einfach mal das Buch ausleihen, was ja auch immer ein Akt schweigenden Vertrauens war, weil ich dem anderen etwas nahezu Heiliges anvertraut habe: Ein Buch, das ich gelesen habe.

Das geht beim ebook leider nicht, schade… Das ist ein wesentlicher Nachteil.

Naja, und was Viola Taube über das Politiker-Ehepaar erzählt, das ein Buch bei Amazon bestellen wollte, das unterschreibe ich natürlich sofort. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Buchhandlung – meine geliebte Marga Schoellers Bücherstube – einen Onlineshop hat, bei dem ich meine ebooks kaufen und so meiner Buchhandlung treu bleiben kann. Und auch hier habe ich schon viele Aha-Effekte auslösen können. Ebook-Leser tauschen sich eben aus. Sie reden miteinander. Sie zeigen einander das neue Lesegerät und dann kommt – wenn das Gegenüber nicht gerade einen Kindle hat – ganz schnell die Frage: Wo kaufst Du ein? Und wenn ich dann sage, dass ich meine Bücher nach wie vor bei Marga Schoeller kaufe, sind alle anderen immer überrascht, weil sie das nicht gewusst haben. Und manch einer hat es mir in der Zwischenzeit nachgetan.

Also, was ist die Quintessenz? – Bücher, egal ob gedruckt oder digital, regen zum Gespräch, zum Austausch an. Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch und eröffnen neue Horizonte.

Und irgendwie erinnert mich mein Tolino immer an eine Szene aus einen alten Fernsehfilm mit Klaus Schwarzkopf. Ich weiß gar nicht mehr, wie er hieß, aber in dem Film bekam er am Ende als Belohnung ein Buch, dass er immer dabei haben konnte. Aber dieses Buch war nicht einfach irgendein Buch, es war immer das Buch, das er gerade lesen wollte. Das wollte ich auch immer haben. Nun habe ich es.