Martin Dubberke | Pfarrer
Passionsnotiz Nr. 20 | Bild: Martin Dubberke

Blickkontakt halten

Gestern beendete ich meine Notiz ganz provokant mit der Frage: Wo habe ich selbst Gott aus den Augen verloren? Da kommt mir doch gleich die Floskel „Aus den Augen, aus dem Sinn“ in den Kopf,   wo durchaus etwas dran ist, wenn ich mir Okuli genauer anschaue.

Meine Augen sehen stets auf den HERRN.
Psalm 25, 15

Tue ich das nicht, was passiert dann? Genau das, was die kleine Floskel sagt? Ich weiß nicht. Die Gefahr scheint mir aber groß.

Irgendwie scheinen doch alle Fragen immer wieder auf das Eine hinauszulaufen und alles Nachdenken über den Glauben sich am gleichen Thema zu entfachen: Der Gottesferne, der Gottvergessenheit, der nächstvergessenen Eigenliebe…

Kann es sein, dass ich mich ein wenig um die eigene Achse drehe und ich der Halbzeit der Passionszeit nahe ein wenig niedergeschlagen wirke?

Mir wird deutlich, wann immer ich die Zeitung aufmache, die Nachrichten sehe und was weiß ich nicht alles rezipiere, mich an die Propheten des Alten Testaments erinnert fühle. Haben sie nicht alle gemahnt? Haben sie nicht alle vorausgesagt, was passieren wird, wenn man den Blick von Gott lässt?

Ist Gott, auf den ja so viele Politiker schwören, nicht mehr als nur noch eine rhetorische Formel? Ist der Druck, der auf jedem einzelnen heute lastet, nicht eine Folge, dass wir den Blick auf Gott verloren haben?

Ich weiß nicht, heute gehen mir mehr Fragen als sonst durch den Kopf. Mich bewegt, was in dieser Welt passiert, wo Menschen sich in aller Welt darauf berufen, dass sie das, was sie tun, tun, weil es Gott sagt, es versprochen hat. Nein, ich bin keinesfalls naiv oder frömmelnd realitätsfern, aber wohin ich auch schaue, verlieren wir Menschen trotz aller Globalität, die doch eigentlich genau das ist, was Gott uns geschenkt hat, das Verständnis dafür, dass alles so geschaffen ist, dass es zusammenhängt und wir alle eine gemeinsame Verantwortung tragen.

Da machen so viele Länder dieser Erde Verträge miteinander, wie sie zusammenarbeiten wollen oder das Klima schützen wollen. Dabei bräuchten wir doch gar keine Verträge und Abkommen dafür, wie das Klima, die Erde, die Schöpfung Gottes zu schützen und zu bewahren sind, weil es doch schon in der der Bibel steht. Es ist uns alles nur geliehen.

Da höre ich doch glatt am Wochenende in einer Fernsehsendung, wie eine grüne Politikerin, eine Theologin, den Satz spricht: „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen.“ – Das klingt gut! Das erreicht emotional die Menschen unter uns, die Eltern sind. Doch was ist mit den Singles, oder DINKS, den Double income no Kids? Lassen die sich davon überzeugen? Soweit ich  mich erinnern kann, handelt es sich hierbei um eine indianische Weisheit. Wir haben die Welt nicht von unseren Kindern geliehen, sondern von Gott. Da wiegt die Verantwortung noch viel mehr und sie liegt vor allem auf jeder einzelnen Schulter, die es weltweit gibt. Man könnte das auch ganz leicht erkennen, wenn man den Blickkontakt mit Gott halten würde.

Wenn ich mir all das anschaue und anhöre, frage ich mich ehrlicherweise, warum die Menschheit uns nicht die Kirchen einrennt, weil Gott doch die Lösung parat hält. Ich glaube, eine Antwort darauf zu haben: Die Menschen wollen sich selbst nicht ändern, sondern wollen, dass andere es für sie ändern. Und das steht hier schon mal fest: Gott will, dass wir es ändern und das macht Gott vielleicht für viele Menschen unattraktiv, weil es deutlich macht, dass die Verantwortung und das Handeln bei einem selbst liegt und Gott dafür aber den Weg weist, den wir gehen sollten.

Wenn ich aber Blickkontakt mit Gott halte und mir im Getriebe des Tages die Zeit dafür gebe, nicht nehme, sondern gebe, denn die Zeit für Gott habe ich immer und sei es die berühmte Tasse Kaffee und meinetwegen auch, wenn es sich nicht vermeiden lässt, auf eine Zigarettenlänge, dann erkenne ich den Weg.

Wenn ich mir im Spiegel ernsthaft in die Augen schaue, werde ich feststellen, dass es auch immer ein Handeln bedeutet, wenn meine Augen den HERRN sehen, denn wenn ich mit Gott im Blickkontakt bin und er mir wiederum tief in meine Augen schaut, sagt er in der Regel nichts Anderes als: „Komm, nun mach schon!“

Passionsnotiz Nr. 20 vom 20. März 2017