Martin Dubberke | Pfarrer

Auch ein kleines Licht ist ein Licht

Folgendes Beispiel: Ihr Chef trifft eine Entscheidung. Sie hören davon und stellen fest, dass er diese nicht zu Ende gedacht hat. Ja, die Umsetzung der Entscheidung hätte sogar fatale Folgen. Was machen Sie? Denken Sie sich ihren Teil und gehen zur Tagesordnung, weil Sie denken: „Ach, ich bin doch nur ein kleines Licht. Da habe ich doch keine Chance und am Ende werde ich auch noch entlassen.“ Oder gehen Sie zum Chef und sagen: „Mensch, Chef mir ist da was durch den Kopf gegangen…“

So eine ähnliche Geschichte gibt es auch im Alten Testament, im ersten Buch Mose, Kapitel 18. Die Tageslosung weist uns darauf hin:

Ich habe mich unterfangen, mit meinem Herrn zu reden, wiewohl ich Staub und Asche bin. 

1.Mose 18,27

Gott hatte den Beschluss gefasst, mit dem Sodom und Gomorra Schluss zu machen. Ja, auch Gott kann irgendwann mal die Nase voll haben und dann müssen Fakten geschaffen werden.

Und Gott unterrichtete Abraham von diesem Plan. Und Gott war gewissermaßen der Chef von Abraham. Abraham stockte der Atem. Wenn Gott Sodom vernichtet, werden ja auch die vernichtet, die ok sind, die Gerechte vor Gott sind. Warum sollen die für etwas büßen, wofür sie nicht verantwortlich sind. Aber, wer bin ich – Abraham – schon, dass ich Gott von seinem Plan abhalten könnte?

Aber Abraham war rhetorisch sehr geschickt. Er packte Gott erst einmal bei der göttlichen Gerechtigkeit: Sage mal, Du willst wirklich die Stadt vernichten? Was soll mit den Gerechten geschehen? Nirgendwo gibt es nur Gottlose. Willst Du also auch die Gerechten töten? Was machst Du, wenn – sagen wir mal – 50 Gerechte in der Stadt wohnen? Du setzt doch mit Deinem Plan den Gerechten mit dem Gottlosen gleich. Was soll das für ein Zeichen sein? Damit kommst Du bei deinem Volk nicht besonders glaubwürdig an.

Und Gott erkannte, dass Abraham ein sehr geschickter und intelligenter Bursche war. Kein Wunder, schließlich hatte er ihn ja auch zum Urvater Israels ausersehen. Also, beste Personalauswahl. Abraham empfahl sich gerade als außerordentlich begabte Führungskraft.

Und Gott sagt: „Wenn fünfzig Gerechte in der Stadt leben, dann werde ich die Stadt nicht vernichten.“

Gott hatte Abrahams Argument akzeptiert. Und Abraham fragt nun weiter: „Was ist aber, wenn ich nur vierzig Gerechte in der Stadt leben?“

Auch in dem Fall will Gott sie nicht verderben. Und so handelt Abraham Gott erst auf dreißig, dann auf zwanzig und schließlich auf zehn Gerechte runter.

Gott will sie auch um der zehn willen nicht verderben.

Abraham hatte Gott überzeugt. Er hatte zur rechten Zeit die richtigen Argumente auf der Hand und auch die Traute, Gott darauf anzusprechen, während seine Begleiter einfach ihres Weges gezogen sind.

Die Begleiter des Abraham stehen für die stumme Masse, die alles sieht und geschehen lässt. Aber Abraham blieb stehen, obwohl er sich für Staub und Asche, also einen ganz Geringen hielt, und traute sich, Gott gegenüber den Mund aufzumachen und ihn zu fragen, ob er wirklich alles bedacht habe oder sein Ärger sein Urteilsvermögen getrübt habe.

Diese kleine Geschichte gefällt mir, weil sie zwei Ermutigungen enthält. Zum einen: Gott ist offen für neue Sichtweisen und ich darf mich trauen, Gottes Entscheidungen oder Pläne wohlbegründet zu hinterfragen. Nur so wird Veränderung möglich. Wer schweigt, kann nichts bewegen. Das ist die Lehre des Abraham.

Amen